Träume aufzeichnen

Der Kobold der Träume
spinnt das Garn der Geschichten.“
Miguel Angel Asturias

Im Frühjahr 1996 begann ich jene Träume, die meiner Erinnerung zugänglich werden, aufzuzeichnen. Ohne bestimmten Zweck und ohne an eine Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen zu denken; eher leitete mich die Neugier an jenen abstrusen und teilweise eindrucksvollen Geschichten, die ich mir nachts erzählt hatte und von denen noch diffuse Fragmente nach dem Aufwachen im Gedächtnis geblieben waren.
Langsam entwickelte sich daraus eine geschärfte innere Aufmerksamkeit. Meine Erinnerungen an Träume wurden umfangreicher und genauer.

 

I

Bei der Lektüre der Aufzeichnungen stellte ich fest: Neben der erwarteten Selbsterkundung tritt ein weiteres, überraschendes Thema zutage: die Verknüpfungen meines Lebens mit gesellschaftlichen und politischen Realitäten. Versatzstücke meines gegenwärtigen politischen Engagements und Verbindungen meiner Familiengeschichte mit dem Nationalsozialismus kehren mit penetranter Häufigkeit in den Traumgeschichten wieder. Das leitende Motiv für die Aufmerksamkeit, die ich meinen Träumen widmete, verschob sich langsam von einem privaten hin zu einem gesellschaftlichen Horizont. Da war ein Leiden an der Wirklichkeit. Ich litt an der zunehmenden Regression in der Entwicklung der österreichischen Gesellschaft. Dem Erstarren des progressiv orientierten sozialdemokratischen Projekts war ein Zurück in die nie gänzlich überwundene Restauration gefolgt. Die Arbeit an demokratischen und partizipatorischen Beziehungsformen war in weiten Bereichen dieser Gesellschaft dem automatisierten Ablauf sich selbst regulierender Systeme gewichen. Die Lektüre meiner Traumaufzeichnungen aber führten mir vor Augen, was mir bisher wenig bewusst war: Dem gesellschaftlichen Zustand entsprach ein Grundgefühl von Ohnmacht in meinem persönlichen Empfinden, und von diesem Empfinden erzählten mir meine Träume.

Die neue Perspektive in den Traumaufzeichnungen warf auch eine Reihe Fragen auf. „Vorsicht: Der Weg in den Traum und in seine Wahrnehmungsformen kann eine Form der Flucht sein vor einer mich entmachtenden Realität!“, meinte das politische Ich. „Träume können aber auch moralisierende Vereinnahmungen meines Ich durch politisches Engagement in Frage stellen und unterlaufen“, hält ein anderes Ich dagegen. In jedem Fall empfinde ich die Beschäftigung mit meinen Traumgeschichten als Verführung zu einer neuen Wahrnehmung der Realitäten des Tags. Wohin sie mich führen wird, kann ich im vorhinein nie wissen. Viel zu paradox und unvorhersehbar verlaufen die Traumgeschichten und ihre Nachwirkungen am Tag darauf.

Träume sprechen in schamlos direkter Weise von der Person des Träumenden. Ich habe dem Wunsch zur Zensur einiger mich beschämender Träume beim Aufzeichnen nicht nachgegeben, so schwer es mir manchmal fiel. Die Zensur durch Vergessen hat vermutlich trotzdem funktioniert. Ebenso schamlos wird von anderen Personen gesprochen: von Familienangehörigen, Freunden, Bekannten. Hier tauchen Charakterisierungen und Beurteilungen auf, die ich im Wachzustand nie vorgenommen hätte. Einige dieser Charakterisierungen habe ich mit lustvoller Bosheit aufgezeichnet, einige mit Befremden. Eine weitere, noch schärfere Zensurinstanz wird aktiv, wenn es um die Veröffentlichung der Aufzeichnungen geht. Denn meine Traumaufzeichnungen zu veröffentlichen heißt, mein fremdes, unverschämteres Ich dem Blick der Anderen auszusetzen. Beim Auswählen versuchte ich, eine Balance zu finden zwischen dem Schutz für mich sowie für die Anderen, die ich zum Personal meiner Träume gemacht habe, und einer möglichst ehrlichen Selbstaussage, die für mich Grundvoraussetzung dieser Aufzeichnungen ist.

II

Drei Bücher haben mich in der Arbeit an den Traumaufzeichnungen begleitet und infragegestellt: Das Dritte Reich des Traums von Charlotte Beradt, Wolfgang Bächlers 1972 publizierte Traumprotokolle und das neun Jahre später unter dem selben Titel erschienene Buch von Heinar Kipphardt. Charlotte Beradt hat Träume aufgezeichnet, die von Menschen im Deutschland der Jahre von der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ 1933 bis 1939 geträumt wurden. Sie thematisieren die Herrschaft der Nazis und das Verwobensein aller – Täter wie Opfer – in den Terror. Charlotte Beradt musste vor Ausbruch des Krieges aus Deutschland flüchten und veröffentlichte die Träume im Exil. Wolfgang Bächlers Traumaufzeichnungen reichen vom Mai 1954 bis zum März 1968 und spiegeln sein Einbezogensein in Krieg und Nationalsozialismus. Sie zeigen für mich authentisch und dennoch in einer eigentümlichen Weise verschlüsselt, wie in der deutschen Nachkriegsgesellschaft die Gewalt der Vergangenheit weiter lebte. Durch die Arbeit an seinem Theaterstück März. Ein Künstlerleben war Heinar Kipphardt auf die Idee gekommen, seine eigenen Träume aufzuzeichnen. Ihn interessierten vor allem die Parallelen im halluzinatorischen Denken zwischen Traum und Psychose. Die Traumprotokolle enthalten aufgezeichnete Träume aus dem Zeitraum zwischen November 1978 und Juli 1981. Die Lektüre dieser drei Bücher hat mir deutlich gemacht: Nach der Shoah ist die Verbindung von Traum und politischer Realität unwiderruflich und beklemmend anders geworden. Die Träume geben Auskunft über die Angst in uns und über die Ursachen dieser Angst, seien sie innerhalb oder außerhalb von uns selbst. Dennoch stellte sich mir die Frage: Wie träumt einer, der selbst nicht mehr Zeitgenosse der Shoah war, sie nicht unmittelbar miterlebt hat? Die Angehörigen der zweiten Generation bleiben wohl immer in einem Verhältnis der Ambivalenz zum Geschehenen: Wäre ich als Täter beteiligt gewesen oder als Opfer? Oder hätte ich mich in einer jener vielfältigen Grauschattierungen bewegt, die uns weder Opfer sein lassen noch Täter, vielleicht jedoch beides zugleich? Diese Fragen stellen mir meine Träume, sie bleiben unbeantwortet. Und eine weitere Frage kommt hinzu: Wer bin ich in den heutigen, viel weniger deutlichen Unrechtsverhältnissen?

III

In Bogdan Bogdanovics Erinnerungsbuch Der verdammte Baumeister findet sich ein Kapitel, das seine Traumnotizen während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien reflektiert und zitiert. Diese Träume und Bogdanovics Art und Weise, mit ihnen umzugehen, waren für mich irritierend anders als die vorher genannten Aufzeichnungen. Ihr surrealer und fragmentarischer Charakter zog mich an. Dass Bogdan Bogdanovic in seinen erzählenden Reflexionen nicht im entferntesten daran dachte, sie zu interpretieren, ihnen einen Sinn zu unterlegen, erkannte ich auch für mich als richtig und angemessen.

Sind aufgezeichnete Träume noch Träume, oder geben sie bereits eine Interpretation der Traumerzählung wieder? Kipphardt spricht in seiner Einleitung zu den Traumprotokollen von den „Erzählweisen des Traums“ und beschreibt, wie er sich um eine möglichst genaue Notation der Träume bemühte: „Ich lernte, meine Träume zu notieren, indem ich mich, aus Träumen halb erwacht, in einem Zustand hielt, der den Traum einerseits weitergehen ließ und mich andererseits in den Stand versetzte, den Traum leidlich genau zu notieren oder wenigstens das Wichtigste von ihm zu erfassen.“ Auch Bogdanovic schildert seine Methode des Aufzeichnens als Bemühen, die Erzählung eines alter ego so exakt und so früh wie möglich zu notieren: Ich wachte im Laufe einer Nacht zweimal, dreimal auf. Es gab diese Situationen, in denen ich absichtlich aufwachte, um etwas zu notieren. Ich besaß auch ein Diktaphon und redete zwei, drei Schlagworte hinein, um am Morgen meinen Traum rekonstruieren zu können.“

Ich habe meine Träume wesentlich später aufgeschrieben: frühestens Stunden nach dem Erwachen, spätestens mehrere Wochen nach der Nacht, in der ich sie träumte. In einigen Aufzeichnungen sind mehrere Träume oder Traumphasen zusammengefasst. Dennoch handelt es sich um tatsächlich geträumte, nicht um erfundene Träume. Aber im Unterschied zu Kipphardt halte ich die weitererzählende, umformende Tätigkeit des Bewusstseins, das den Traum ins Gedächtnis bringt, für konstitutiv. Die Arbeit am erinnerten Traum ist für mich ein Teil des Traums selber. Denn ich vermute, niemand von uns hat Zugang zum „Traum an sich“, also zu einer Form des reinen Traumvorganges, den uns später die Erinnerung erzählt. Außerdem neige ich der Auffassung von Bogdan Bogdanovic zu, dass der Traum nichts anderes ist als die Geschichte, die unserem bewussten Ich von einem anderen, klügeren Ich erzählt wird. Auf das Erzählen folgt immer ein Weitererzählen; das setzt sich im Wachzustand fort. Deshalb habe ich dem Aufzeichnen mit Absicht Zeit eingeräumt und mich nicht bemüht, den Traum so schnell als möglich niederzuschreiben. Das schnelle Aufzeichnen sofort nach dem (halben) Erwachen garantiert aus meiner Sicht genauso wenig Authentizität wie das langsamere, denn in beiden Fällen steht das Bewusstsein als weitererzählende Instanz dazwischen.

Dabei konnte ich feststellen, dass die hypnotische Wirkung, die vom Einfühlen in die Traumerzählung ausgeht, sich auch nach Wochen wieder einstellen kann. Das bewusste Weitererzählen des Traums im Wachzustand muss keineswegs die Erzählweise des Unbewussten zerstören, wenn es nicht darauf angelegt ist: Alltagslogik, Kausalitätsprinzip, erzählerische Linearität, die Raum-Zeit-Koordinaten werden ebenso spielerisch außer Kraft gesetzt; Bildcharakter und Sinnlichkeit des Traums können beim späteren Aufzeichnen ebenso erhalten bleiben wie sie das sofortige Aufzeichnen zerstören kann, wenn es ihm gleich einen Sinn unterlegt.

IV

Die erinnerten Träume bilden für mich in besonderer Weise eine Schnittstelle von individueller und kollektiver Geschichte. Sie verknüpfen mehrere Dimensionen von Außen und Innen: äußeres Geschehen und inneres Erleben, meine bewusste Identität und deren Spiegelungen, wie sie mir aus dem Unbewussten entgegentreten, die vorbewusste Traumerzählung und deren Umformung im Wachzustand. Vor allem meine Traumaufzeichnungen zum Nationalsozialismus haben mir diese Verknüpfung bewusst gemacht. Sie vermitteln mir die Mehrdimensionalität von Geschichte, erzählen sie als ein Geschehen jenseits bewusster, auf Ziele gerichteter Konstruktionen. Ich habe durch meine Träume gelernt, ihr Weiterwirken jenseits meiner Interpretationen wahr zu nehmen. Einige Träume thematisieren sogar explizit den Konflikt zwischen Surrealität und Interpretation, zwischen Chaos und Aufräumen: „Ich beginne aufzuräumen, die Spinnweben zu beseitigen. Mit Putzlappen, mit einem Besen, mit einem Staubsauger … Im großen Wohnzimmer mit den hohen Fenstern habe ich angefangen. Als ich – fast fertig – am hinteren Ende des Raumes angekommen bin, schaue ich zurück: Im vorderen Teil, rund um die Tür zum Vorraum, haben sie wieder zu wachsen begonnen.“ So spinnt der Kobold der Träume sein Garn der Geschichten immer von neuem – gleichgültig wie oft ich auch mit dem Putzlappen der Interpretation darüber gegangen bin.

Aus der erstarrten Polarität von Tag und Nacht, von Wachsein und Schlaf wird ein Tanz zwischen der Vernunft und ihrem Anderen. Oder – um mit Bogdan Bogdanovic zu sprechen: „Wie dem auch sei, man braucht, wenigstens im Traum, sehr wenig, um aus sich selbst herauszugehen wie aus einer zerstörten Stadt.“

Wolfgang Bächler: Traumprotokolle. Ein Auskunftsbuch. Frankfurt/Main 1978.

Charlotte Beradt: Das dritte Reich des Traums. Frankfurt/Main 1994.

Bogdan Bogdanovic: Der verdammte Baumeister. Erinnerungen. Wien 1997.

Heinar Kipphardt: Traumprotokolle. Reinbek 1986.

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