Jürgen Ebach: SchriftStücke

Buchbesprechung

„Wie wäre es, wenn eine kritische Theorie der Bibel im emphatischen Sinne Aufmerksamkeit zuteil werden ließe“? fragt Jürgen Ebach im Vorwort zu seinem Buch „SchriftStücke“. In einem bestimmten, nämlich einem umgekehrten Sinne sind die in diesem Buch zusammengefassten „Passagen“ (in der Bedeutung von Walter Benjamins Verwendung des Begriffs) genau das: Ein Theologe, dessen Denken durch die kritische Theorie geschärft und vorsichtig geworden ist, wendet der Bibel diese für einen Bibelwissenschaftler ungewöhnliche Form der Aufmerksamkeit zu. Jürgen Ebach unternimmt das alte Geschäft der TheologInnen, „Passagen“, also Durchgänge zu schaffen von den „alten“, klassischen Texten der Bibel zum Leben der Gegenwart und umgekehrt: Passagen von der Gegenwart zum biblischen Text – jedoch nicht im Sinne einer platten Unmittelbarkeit, wo TheologInnen nicht anders handeln, „als jene Romanschreiber, die ihre Marionetten wie mit billigem Schmuck mit den Imitationen der Leidenschaft von ehedem behängen“, wie Theodor W. Adorno, auf den sich Ebach ausdrücklich bezieht, in der „Zueignung“ seiner „Minima Moralia“ formulierte.

In solcher Hermeneutik, wie sie Jürgen Ebach in seinen „Passagen“ entfaltet, richtet weder die Gegenwart über das Vergangene, als würden wir die Bibel wie einen Flohmarkt nach dem wenigen noch fürs Aktuelle Brauchbaren durchwühlen, noch richtet – wie es manch neuerlich in Mode gekommenen Fundamentalismen zupass käme – der kanonische Text über das Leben der uns gegenwärtigen Menschen. Vielmehr versucht diese Hermeneutik, den „Knoten der Geschichte“ (Friedrich Schleiermacher) neuerlich zu knüpfen, der Glauben und kritische Reflexion verbindet, allerdings ohne billigen Optimismus, der außer Acht ließe, dass die Gegenwart wohl eher Schleiermachers Befürchtung wahr macht, dass „das Christentum mit der Barbarei und die Wissenschaft mit dem Unglauben“ verbunden seien. Dem versucht Jürgen Ebach seine biblischen „Re-Visionen“ entgegenzusetzen. Die 84 „Passagen“ oder „Schrift-Stücke“ beschäftigen sich jedes in unterschiedlicher Form mit Texten der Bibel des Ersten und des Zweiten Testamentes und laden dabei zur Re-Vision, zum Wieder-Anschauen ein. Sie vermitteln der Leserin/dem Leser einen Blick für die Vielfalt, für die Widerspenstigkeit der Texte, dafür, dass „die Bibel“ sich selber wiederspricht (was nur zu überraschen vermag, wenn man sie als undifferenziertes Ganzes im schrecklichen Singular, eben als „die Bibel“, versteht). Neue Blickwinkel können neue Betrachtungsweisen und diese wiederum neue Auffassungen hervorrufen. Jürgen Ebach erzählt im 12. Stück, das diesen Titel, „Re-Vision“ trägt, von einer eigenen Erfahrung: Bei Vorarbeiten für den Kirchentag 1991 ging es um die Übersetzung einer Passage in 4 Mose, wo von der Übertragung des Geistes auf die 70 Ältesten die Rede ist. Die anwesenden Männer waren darin einig, dass es sich bei diesen „Ältesten“ nur um Männer handeln könne, da das entsprechende hebräische Wort „zekenim“ synonym mit „Bärtige“ sei. Eine Kollegin, Luise Schottroff, blieb allerdings hartnäckig dabei, dies anzuzweifeln. Abends zuhause angekommen ver-führte der Zweifel der Kollegin Ebach dazu, nach weiteren Belegstellen für das Wort „zekenim“ = Älteste zu suchen. Und siehe da: Er stieß auf 1 Mose 18, Vers 11, wo es heißt: „Abraham und Sara waren ‚zekenim‘=hochbetagt“. Hier fand eine Re-Vision, das Neu-in-den-Blick-nehmen eines nicht ganz unwesentlichen Details statt. Denn wie die „Ältesten“ zu definieren sind, bestimmt den Blick auf das biblische Judentum als (mehr oder eben weniger) „patriarchale“ Gesellschaft, führt zu Legitimations- bzw. Delegitimationsprozessen für Leitungsämter in einem (mehr oder weniger) „patriarchalen“ Christentum, das sich auf die Bibel des Ersten Testamentes beruft usf.

Hier ließen sich noch viele solch biblischer Re-Visionen anführen. Eine sei im besonderen den Abendland-Apologeten unter den Verächtern der gegenwärtigen kulturellen und religiösen Vielfalt Europas ans Herz gelegt, wo Jürgen Ebach klarlegt, dass alle Textes jenes Buches, das wie kein anderes die Identität Europas geprägt hat, also der Bibel, im Orient entstanden sind. Damit nicht genug: Auch das Wort „Europa“ stammt aus Mesopotamien…

Die Bibel ist – und das gerät angesichts ihres nicht selten dogmatistischen und konfessionalistischen Vereinnahmtseins leicht aus dem Blick – eine reiche Sammlung großer literarischer Texte, die nicht den Kirchen und den Gläubigen gehören, sondern allen, die sie lesen wollen und können. Jürgen Ebach versteht es, gerade diese Seite der biblischen Bücher ins rechte Licht zu rücken, indem er sie vorzüglich nach-erzählt. In aller Widersprüchlichkeit und Verschiedenheit sind die Texte der Bibel in ihrer Rezeptionsgeschichte zu einer Einheit geworden und dennoch vielfältig und widersprüchlich geblieben; auch das bestimmt ihre Literarizität und Kulturalität, jedoch nicht in einem ästhetizistischen Sinne, sondern als „kritische Theorie“ unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Existenz.

Alle 84 Schrift-Stücke des Buches betrachte ich in diesem Sinne als Gusto-Stücke. Sie verführen zu einer neuen Lektüre der Bibel und in dieser Lektüre des alten Textes zu einer neuen Lektüre der Gegenwart, die nicht so schnell beendet sein wird – ganz im Sinne des 83. Stückes: Die Bibel beginnt mit dem „Bet“, mit dem zweiten Buchstaben des Alphabets, denn „wir sind noch nicht am Anfang angekommen. Am Anfang sind wir erst, wenn die Geschichte zu Ende erzählt ist“, um mit Jürgen Ebach zu schließen.

Jürgen Ebach: SchriftStücke. Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2011.

erschienen in: Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturwissenschaften. 58. Jahrgang. 2/2012.

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