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18/09/2011

Besprechung: Josef P. Mautner, Nichts Endgültiges

„… Die spezifisch literarische Form religiöser Äußerungen wird von Mautner in den Vordergrund gerückt. In dieser Hinsicht leistet Mautners Studie einen neuen, bedeutenden Beitrag zur Forschung zur literarischen Moderne und insbesondere zu deren Beziehung zur Religion.

Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt von Mautners Studie ist die Neukonzeption des von Derrida stammenden Begriffs der Dekonstruktion als positives Verfahren. Mautners „Dekonstruktion“ ist kein „von außen aufgezwungener Zerstörungsprozess“ (S.11), sondern ein Prozess der inneren Analyse und Selbstbetrachtung, der der Religion und Literatur innewohne, und der diese beiden Bereiche miteinander verbinde. Hinzu kommt das Verständnis von Dekonstruktion als einem unvermeidlichen Bestandteil der historischen Wandlung und Entwicklung beider Bereiche: „Für die späte Moderne ließe sich die These formulieren, dass die Literatur in ihrer kritischen und verfremdenden Bezugnahme auf religiöse Traditionen mit deren innerer Fähigkeit zu Wandlung und Entwicklung in Auseinandersetzung tritt.“ (S.10) In dieser Hinsicht werde die oft als Merkmal der Post-Moderne schlechthin betrachtete Dekonstruktion zu einem innewohnenden Merkmal der Religion und Literatur an sich. So entspricht Mautner Derridas ursprünglichen Intentionen hinsichtlich der Dekonstruktion und vermeidet die unter der Federführung der Postmoderne verbreiteten Fehlinterpretationen oder falschen Anwendungen des Begriffs. So lassen sich nach Mautner auch die Grenzen zwischen Moderne und Post-Moderne vernachlässigen, wenn nicht ganz aufheben und dies zeigt auch seine Auswahl von Autoren.(…)

Indem er die Dekonstruktion positiv wendet und als einen Prozess definiert, der sowohl der Religion als auch der Literatur innewohnt und beide verbindet, bringt Mautner ein starkes Argument für die fortbestehende Relevanz der Religion für die Analyse moderner literarischer Texte hervor. Sein Bestehen auf einer Verbindung von religiösen Themen und Anspielungen mit deren spezifisch literarischen Formen in der Literatur des 20. Jahrhunderts eröffnet einen neuen wichtigen Ansatzpunkt für die Erforschung der literarischen Moderne, die bisher eher die ästhetischen Bedeutungen der Auseinandersetzung mit der Religion ignoriert hat. Mautners Studie bringt überzeugend zum Ausdruck, dass die ‚Bibelskepsis‘ und ‚Glaubenskrise‘ der Moderne und der Post-Moderne kaum zu einer Verweigerung der Auseinandersetzung mit Transzendentalität und Religion geführt haben, auch bei den Werken, deren stilistische Bedeutung für die moderne Literatur unbestritten ist.“

Carly McLaughlin, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. 248. Band / 163. Jahrgang, 1. Halbjahresband 2011, 161-163.

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