Interreligiöse Zusammenarbeit als Rahmenbedingung für den gleichberechtigten Zugang zum Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit.

BuchcoverIch möchte Ihnen einige Thesen vortragen, die vor dem Erfahrungshintergrund der regionalen Menschenrechtsarbeit in der Plattform für Menschenrechte formuliert sind; die Plattform ist ein Netzwerk von ca. 30 NGOs, die in Salzburg auf unterschiedlichen Ebenen in der Menschenrechtsarbeit tätig sind. Ich nenne ein paar Beispiele, um das zu illustrieren: die Homosexuellen-Initiative ebenso wie die Katholische Aktion, Diakonie – Evangelischer Flüchtlingsdienst, das Friedensbüro Salzburg, etc. – also eine sehr bunte Mischung. Wir sind als Menschenrechts-NGO im Sinne der Tendenz, die Heiner Bielefeldt heute Vormittag angesprochen hat, untypisch, weil wir uns seit vier Jahren intensiv mit Fragen der Religionsfreiheit und des interreligiösen Dialogs beschäftigen. Allerdings war das von der Entstehungsgeschichte her keineswegs intendiert, und man könnte sagen, wir sind zu diesem Schwerpunktthema gekommen wie „die Jungfrau zum Kind“. Dies aus zwei Gründen: Zum einen geschah dies aufgrund unserer Zusammensetzung, weil sich bei uns eben Menschen ganz unterschiedlichen religiösen Bekenntnisses und Angehörige ganz unterschiedlicher religiöser Gruppierungen und Religionsgemeinschaften für Menschenrechte engagieren und dabei zusammen arbeiten. In der Zielsetzung dieser Arbeit geht es jedoch gar nicht in erster Linie um Religionsfreiheit. Der zweite Grund ist, dass das Thema Religionsfreiheit eben auch hier im Bundesland Salzburg in den letzten Jahren zu einem Thema der öffentlichen Debatte, zu einem Kontrovers-Thema geworden ist – dabei – nicht überraschend – fokussiert auf Fragen des Verhältnisses der Mehrheitsgesellschaft zu den islamischen Gemeinschaften.

In diesem Zusammenhang tauchen Fragen auf wie zum Beispiel: Inwieweit können sich Musliminnen und Muslime hier im öffentlichen Raum Salzburgs zu ihrer Religion bekennen – etwa durch Tragen des Kopftuches in den Schulen (was schon mehrfach angesprochen wurde)? Muslimische Religionslehrerinnen erzählen uns immer wieder, dass sie – neben ihren eigenen Erfahrungen, wo sie wegen ihrer Religion oder wegen des Kopftuchtragens in der Schule „schief angeschaut“ oder auch „schief angesprochen“ werden – im Religionsunterricht sehr stark damit beschäftigt sind, die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler aufzuarbeiten; und bei diesen Erfahrungen ihrer SchülerInnen handelt es sich schlicht und einfach um „Diskriminierungserfahrungen“. Daneben gibt es eine ganze Reihe von Mitarbeiterinnen in der Gastronomie und im Handel, kopftuchtragende Muslimas, die sich an uns wenden, weil sie Schwierigkeiten am Arbeitsplatz haben. Oder im Bereich der Arbeitssuche: Frauen, die einerseits Schwierigkeit haben, einen Job zu finden, andererseits es aber auch schwer haben, ihren Job zu behalten – insbesondere dann, wenn sie vorher kein Kopftuch getragen haben und sich dann aus religiösen Gründen dazu entscheiden, eines zu tragen.

Ich möchte versuchen, meine Erfahrungen in einigen Thesen zusammenzufassen, die von einer Grundthese abgeleitet sind. Diese lautet, dass die interreligiöse Zusammenarbeit eine wesentliche Rahmenbedingung für den gleichberechtigten Zugang zum Recht auf Religionsfreiheit und Weltanschauungsfreiheit ist. Denn wir beschäftigen uns in der praktischen Menschenrechtsarbeit weniger mit rechtlichen Fragestellungen (wie etwa der Judikatur zur Religionsfreiheit), als vielmehr mit den gesellschaftlichen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für diesen gleichberechtigten Zugang. Hier „hapert“ es, und wir beobachten in der konkreten Erfahrung und in den Lebenswelten der Menschen große Schwierigkeiten.

Die erste These, die von der genannten Grundthese abgeleitet ist: In der „Plattform“ haben wir im Laufe der Jahre eine Entwicklung festgestellt, nämlich dass sich dieser interreligiöse Dialog, den wir in verschiedenen Projekten pflegen, erweitert zu einem – hier ist es schwer, einen Begriff zu nennen, aber sagen wir – zu einem „gesamtökumenischen Weltanschauungsdialog“. Wir haben ja in unserer Zusammensetzung als Netzwerk nicht nur religiös gebundene Menschen bzw. AktivistInnen, sondern einen ganz starken Anteil von Menschen, die religiös nicht gebunden sind bzw. auch aus einer Religionsgemeinschaft bewusst ausgetreten sind, Sie haben in diesem Dialog auch ihren Platz und ihre Rolle eingefordert. Es ist wichtig, diesen Dialog als ein Vieleck zu verstehen. Er spielt sich ab zwischen Muslimen, Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften (die auch teilweise in Projekten bei uns mitarbeiten) wie Hindus und Buddhisten, ChristInnen verschiedener Konfessionen (auch das ist wichtig, weil im katholischen Salzburg die protestantischen Konfessionen durchaus eine Minderheitenrolle spielen und sie ihre Erfahrungen oft als ähnlicher sehen und vergleichbarer mit der Situation von Muslimen als mit jener von KatholikInnen!) und schließlich Menschen ohne religiöse Bindung. Letzteres ist auch deshalb wichtig, weil der interreligiöse Dialog auf keinen Fall verkommen sollte zu einer Allianz der Religiösen gegen die „Ungläubigen“, also zu einer Allianz der mit Gott „Rechnenden“ gegenüber jenen, die entweder völlig säkularisiert sind oder mit Gott gar nichts mehr „am Hut haben“. Das ist eine Tendenz im interreligiösen Dialog, die es z.B. in konservativen Kreisen des Katholizismus auch gibt. Hier handelt sich um ein Verständnis von „interreligiöser Bündnispolitik“, das vor dem normativen Hintergrund des Rechtes auf Religionsfreiheit keinen Platz haben kann, da dieses Recht immer auch die Freiheit von Religion mit einschließt.

Eine weitere Erfahrung, die mich zur zweiten These führt: Im Rahmen der regionalen Menschenrechtsarbeit nutzt dieser gesamtökumenische Dialog die Menschenrechte als eine gemeinsame Sprache. Diese Möglichkeit, eine gemeinsame Basis der Verständigung zu haben, hat sich im Laufe der Jahre als sehr positiv herausgestellt hat. Am Beginn unserer Arbeit ist eigentlich nicht als Absicht gestanden, dass nun zwei oder mehrere Religionsgemeinschaften im Dialog aufeinander zugehen wollten, sondern am Beginn unserer Arbeit stand das gemeinsame Ziel, hier in Salzburg den Zugang zu Menschenrechten zu erleichtern und zu ermöglichen – und zwar in verschiedenen Bereichen, die mit Religion scheinbar nichts zu tun haben: im Asylbereich, im Bereich der Schubhaft, im Bereich von Menschen mit Behinderung, Behinderteneinrichtungen, im Bereich von Menschen mit anderer sexueller Orientierung etc. Also in erster Linie ging es nicht darum, dass Angehörige verschiedener Religionsgemeinschaften über ihre Religion sprechen, sondern man ist über die Kooperation in verschiedenen Menschenrechtssituationen zu einer interreligiösen Zusammenarbeit gekommen.

Eine dritte These: Ich halte es grundsätzlich für sehr positiv, wenn Initiativen und Projekte der interreligiösen Zusammenarbeit von der Katholischen Kirche initiiert und durchgeführt werden. Man muss sich allerdings darüber im Klaren sein, dass solche Initiativen und Projekte damit automatisch im Kontext der Mehrheitsgesellschaft stattfinden. Das heißt, dass sie auch jenes Gefälle spiegeln und verstärken, das de facto in der Gesellschaft zwischen der Mehrheit und Minderheiten existiert. Die Katholische Kirche hier in Salzburg – und das ist in Österreich wahrscheinlich durchgängig so – besitzt weitaus die größten Ressourcen, eigentlich in allen Bereichen: im finanziellen Bereich, im Bereich des Personals, der Institutionen, gerade auch der Bildungsinstitutionen, und das Gefälle gegenüber den Minderheitenreligionen ist hier sehr groß. Aber wenn man interreligiös fruchtbar zusammenarbeiten will, muss man das auf Augenhöhe tun können. Das heißt aber, dass man dieses strukturelle Gefälle, das in der Gesellschaft existiert, durch strukturelle Rahmenbedingungen, durch – ich nenne es einmal so – positive Diskriminierung im Rahmen dieser Projekte ausgleichen muss, zumindest ein Stück weit.

Der vierte Punkt: Eine unabdingbare Voraussetzung für interreligiöse Zusammenarbeit – und das ist schon kurz angesprochen worden – ist auch, dass ich über meine eigene weltanschauliche und religiöse Orientierung, meine Identität und Biografie möglichst gut Bescheid weiß, und zwar nicht nur auf der Informationsebene, sondern auch auf einer persönlichen Reflexionsebene. Hier zeigt sich z.B. in den interreligiösen Projekten, die wir machen, dass ChristInnen, die sich daran beteiligen, manchmal größere Defizite aufweisen, was die Reflexion über den eigenen Glaubenshintergrund und die eigene religiöse Tradition betrifft, als etwa die Muslime. Allerdings beinhaltet dieses „Bescheidwissen“ auch die Fähigkeit zu kritischer Distanz, eine „Ambiguitätstoleranz“, die bewirkt, dass ich innere Konflikte und Widersprüche, die politischen Verstrickungen und die Gewaltgeschichte meiner eigenen Religion aushalte und offen darüber kommunizieren kann.

Die fünfte These folgt aus der vierten: Für das Bekenntnis zu Religions- und Weltanschauungsfreiheit – das ist eine Erfahrung, die ich eben auch in meiner eigenen Religionsgemeinschaft mache und machen muss – ist es notwendig, dass ich auch innerhalb der eigenen Religion Freiheit und Diversität in den religiösen Anschauungen anerkennen kann und will. Religiöse Fundamentalismen – ich würde das wirklich einmal so in dieser allgemein Formulierung hinstellen – verstellen in der Regel den Zugang zur interreligiösen Zusammenarbeit, nicht zuletzt deshalb, weil die Anerkennung der Freiheit der anderen voraussetzt, dass ich auch in der eigenen Religionsgemeinschaft die Freiheit der vielleicht abweichend oder anders Denkenden anerkenne.

Ein letzter Punkt, der mir sehr wichtig ist, auch im Zusammenhang mit der Menschenrechtsarbeit hier in Salzburg: Für die Förderung gerade eines gesamtökumenisch verstandenen interreligiösen Dialoges braucht es auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen und eine politische Unterstützung. Ein Verständnis des interreligiösen Dialogs als „Privatsache“ der Religionsgemeinschaften, woraus resultiert, dass die Gesellschaft und die Politik eines Landes damit nichts zu tun hat oder hier keine Aufgabe sieht, das fände ich ein verfehltes Verständnis. Ich halte es für wichtig – gerade auch vor dem Hintergrund, dass es im interreligiösen Dialog ein Machtgefälle gibt, ein strukturelles Machtgefälle – , dass die Politik, die Gesellschaft, Rahmenbedingungen zur Verfügung stellt, die auch den Minderheitsreligionen diesen Dialog auf Augenhöhe möglich macht. Ich meine damit auch durchaus finanzielle und örtliche Rahmenbedingungen, die mehr Gleichberechtigung ermöglichen. Ein Beispiel dafür ist der interreligiöse Beirat der Stadt Graz, mit dem die Stadt ein Forum geschaffen hat, in dem die VertreterInnen aller in Graz aktiven Religionsgemeinschaften gleichberechtigt zusammenarbeiten. Eine Frucht dieses interreligiösen Beirates ist sicherlich das modellhafte Projekt eines Moscheebaus bzw. zweier Moscheebauten, die in Graz momentan gerade im Entstehen sind. Gerade dieses Beispiel verdeutlicht für mich die Grundthese, die am Ausgangspunkt meiner Überlegungen stand: dass die interreligiöse Zusammenarbeit eine wesentliche Rahmenbedingung für den gleichberechtigten Zugang zum Recht auf Religionsfreiheit und Weltanschauungsfreiheit ist!

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: