„ZIGEUNER ZU SEIFE!“

mautner_zwischenweltSTOLIPINOVO – TAGEBUCH EINER REISE

Stolipinovo ist ein realer und ein symbolischer Ort zugleich. Als eines der größten Stadtviertel in Südosteuropa, das ausschließlich von Roma bewohnt ist, steht sein Name für die Situation einer großen ethnischen Minderheit Europas: betroffen von Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, von Diskriminierung und Rassismus. Stolipinovo: Slum und Ghetto zugleich. Die Armut seiner BewohnerInnen scheint absolut, ihre Ausgrenzung vollständig. Gleichzeitig ist Stolipinovo jedoch ein realer Ort, ein Wohnviertel der Stadt Plovdiv im Süden Bulgariens. Plovdiv ist mit knapp 377.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt nach Sofia. Sie ist das Verwaltungszentrum der Gemeinde sowie der gleichnamigen Provinz. Viele Städte in Bulgarien haben mehrere Viertel, die ausschließlich von Angehörigen der ethnischen Minderheit der Roma besiedelt sind. In Plovdiv sind es vier, und Stolipinovo ist eines von ihnen. Dort leben geschätzte 55.000 EinwohnerInnen. Eine genaue Zahl lässt sich nicht ermitteln, weil die meisten von ihnen durch das offizielle Meldesystem nicht erfasst sind. Nur eine Minderheit der EinwohnerInnen von Stolipinovo sieht sich selber als christlich, und der größte Teil davon sind Protestanten, die einer der freikirchlichen Gemeinden im Stadtteil angehören. Die Mehrheit bilden türkischsprachige Muslime, wovon wiederum die meisten von ihnen sich als „Türken“ bezeichnen.
Die soziale Situation der BewohnerInnen von Stolipinovo ist katastrophal: Sie leiden unter absoluter Armut, Mangelernährung, einer schlechten Gesundheitssituation (die Verbreitung von Aids und TBC schreitet voran), ca. 95 Prozent Arbeitslosigkeit, schlechtem Zugang zu schulischer und beruflicher Bildung, Ghettoisierung und massiver Diskriminierung aufgrund des herrschenden antiziganistischen Rassismus in der bulgarischen Gesellschaft.

Mit drei KollegInnen aus der Plattform für Menschenrechte Salzburg (www.menschenrechte-salzburg.at) besuchte ich an vier Tagen im November 2014 unsere Freunde von der ROMA Foundation in Stolipinovo. Der folgende Text ist ein Reisetagebuch, das abrissartig und unvollständig meine Erfahrungen und Eindrücke von diesem Besuch wiedergibt. Grund für die Reise war der Aufbau einer Partnerschaft mit der „Foundation for Regional Development ROMA Stolipinovo“. Die Plattform für Menschenrechte arbeitet seit September 2014 mit den KollegInnen in Stolipinovo zusammen. Die Foundation ist eine Selbstorganisation von Roma, die in Stolipinovo sowie in den Vierteln und Dörfern im Bezirk Plovdiv leben. Die Foundation entwickelt Projekte, die die Lebensbedingungen der Roma sowie ihre soziale und gesellschaftliche Situation verbessern, und führt sie durch. Die Partnerschaft zwischen Plattform für Menschenrechte und ROMA-Foundation hat Austausch und gegenseitige Unterstützung in der regionalen Menschenrechtsarbeit zum Ziel.

Freitag, 14. November 2014:

Wir landen am Flughafen Sofia. Ein unerwartet kleiner, ein Provinzflughafen. Andreas Kunz, unser Führer und Dolmetscher, der den Kontakt zur ROMA Foundation vermittelt hat, wartet in der Halle. Er führt uns zum Taxi. Ein alter Kleinbus. Der Fahrer wohnt in Stolipinovo. Er erzählt, dass er Männer aus Stolipinovo zur Saisonarbeit nach Spanien bringt. Die Roma Bulgariens sind in ganz Europa unterwegs auf der Suche nach Arbeit. Billige Arbeitskräfte, sie nehmen fast alles, zu fast allen Bedingungen. Nach einer ca. zweistündigen Fahrt kommen wir am Nachmittag in Plovdiv an. Regen. Einchecken im Hotel; vorher noch ein Abstecher ins „Zuckerviertel“, eine der anderen Roma-Siedlungen in Plovdiv: ineinander geschachtelte Häuser, teilweise im Zustand von Abbruchhäusern, teilweise Ruinen. Die Straße ist so desolat, dass unser Bus nur im Schritttempo fahren kann. Große Wasserpfützen mitten auf den Straßen, Straßenläden, teilweise sind es nur Tische am Straßenrand, teilweise sind sie in kaputten Containern untergebracht. Dort wird alles Mögliche verkauft. Die Ware ist vergleichbar der eines früheren Kramerladens in einem österreichischen Dorf. Unser Fahrer erzählt, dass die Leute in die Türkei fahren. Sie kaufen zum Beispiel billiges Waschpulver ein, das sie hier verkaufen – zu einem immer noch billigeren Preis als in den bulgarischen Läden. Selbst Bulgaren kommen in die Romaviertel zum Einkaufen, sagt er, weil es hier billiger ist.

Am Abend gehen wir noch essen. Wir schlendern ins Zentrum der Stadt: hübsche Läden, eine fast frisch restaurierte Altstadt, eine Moschee, orthodoxe Kirchen, teure Geschäfte. Hier ist es nicht viel anders als in jeder anderen europäischen Stadt, meint man. Plovdiv hat den Zuschlag erhalten. Es wird europäische Kulturhauptstadt 2019. Später sollten wir erfahren, dass die Stadt in ihrer offiziellen Bewerbung für die europäische Kulturhauptstadt auch ein Budget für Sozialprojekte mit den Roma eingereicht hatte. Nur die Roma-Vertreter selber hatten davon nichts gewusst und waren auch nicht in die Planung dieser Projekte mit eingebunden gewesen. Erst auf einen nachdrücklichen Protest hin hatte sie die Stadtverwaltung informiert. Man kann hoffen, dass sie jetzt in den Planungsprozess eingebunden werden.

Unser Hotel liegt mehr am Stadtrand. Auf der andern Straßenseite sieht man alte, renovierungsbedürftige Wohnblocks, die noch aus der Zeit vor 1989 stammen könnten.

Samstag, 15. November:

Nach dem Frühstück fahren wir nach Stolipinovo. Es liegt nordöstlich der Stadt am rechten Ufer der Maritsa, und wir sehen einiges von Plovdiv. Fabriksgebäude und veraltete Wohnblocks in schlechtem baulichem Zustand bestimmen das Bild. Schließlich fährt das Taxi ins Viertel. Die Straßen werden schlagartig schlechter, voller tiefer Löcher, kaum noch Asphalt. Ruinenartige Plattenbauten, dazwischen Hütten und Häuser in katastrophalem Zustand. Müllhalden am Rande der Straßen, in denen Menschen und Tiere nach Verwertbarem suchen. Das Wetter ist nasskalt. Es qualmt aus provisorischen Röhren und riecht nach verbranntem nassem Holz. Das Taxi hält vor einem Gittertor. Dahinter ein Hof mit einem Containerbau. ROMA Foundation. Wir werden herzlich empfangen. Nach der Begrüßung beginnt das Gespräch über die Arbeit. Es geht um einen fast aussichtslosen Kampf gegen die Armut und den Rassismus. Die Projekte der Stiftung befassen sich ausschließlich mit den katastrophalen Folgen dieser Gemengelage: mit dem Ausschluss von Bildungschancen, vom Arbeitsmarkt, mit der allgegenwärtigen Diskriminierung von Roma, …

Ich frage mich: Wie können die Menschen hier in Stolipinovo unter den herrschenden ökonomischen Bedingungen Bulgariens überleben? Ein Durchschnittslohn liegt bei 400 Lewa im Monat. Die Stromkosten, die hier sehr hoch sind, fressen davon bereits die Hälfte – sofern man überhaupt Strom hat. Das Stromnetz in Bulgarien gehört durchwegs ausländischen Konzernen. In Plovdiv gehört der Strom EVN, der niederösterreichischen Verbundgesellschaft. Warum? Welche Logik ökonomischer Effizienz verbirgt sich hinter dieser befremdlichen Tatsache? Dass die EVN das Stromnetz hier organisiert, sei jedoch für die Roma nicht nur ein Nachteil, meint Andreas. Denn früher sei der Strom in Stolipinovo regelmäßig abgeschaltet worden, das passiere nun nicht mehr so leicht. Allerdings: Sie halten auch die Preise hoch. Denn die EVN ist ein Konzern. Die wollen hier verdienen.

Doch zurück zu der Frage: Wie können die Menschen in Bulgarien überhaupt zurechtkommen? Im speziellen hier in Stolipinovo, wo die Überlebensbedingungen noch bei weitem schwerer sind als unter der bulgarischen Mehrheitsbevölkerung. Andreas meint, es gebe zwei wesentliche Faktoren: zum einen die Schattenwirtschaft. Wer könne, arbeite schwarz. Zu den schlechtesten Bedingungen natürlich und ohne jede Versicherungsleistung. Zum andern die Auslandsbulgaren: Die Abwanderungswellen während der wirtschaftlichen Krisen im postsozialistischen Bulgarien haben dazu geführt, dass tausende Bulgaren im „goldenen Westen“ (und dazu gehört neben den westeuropäischen Ländern auch die USA) Geld verdienen und einen Gutteil davon nach Hause, an ihre Familien überweisen. Das selbe Muster einer Schattenökonomie funktioniert auch in der Romagesellschaft: In diesem – wie in vielen anderen Belangen – ist die ethnische Grenzziehung, die so absolut und unüberwindbar erscheint, völlig ohne Grundlage in der Realität, so denke ich mir. Die ethnische Segregation bewirkt lediglich, dass die Roma dasselbe auf den untersten Stufen der ökonomischen Hierarchie machen müssen. Sie erhalten, wenn überhaupt, die schmutzigsten und die am schlechtesten bezahlten Jobs – bis hin zur Sexarbeit und zum Betteln. Andreas meint noch, es finde eine enorme, zahlenmäßig nicht erfasste (und nicht erfassbare), durch Armut erzwungene Migrationsbewegung in Europa statt, innerhalb derer die Roma das sichtbarste und deshalb Anstoß erregendste Element sind. Assen Karagyozov, der den Jugendclub hier leitet, meint: „Die meisten von uns – vor allem die Jugendlichen – versuchen, im Ausland Arbeit zu finden. Dort verdienen sie ihr erstes Geld, gründen eine Familie in Stolipinovo, feiern hier Hochzeit. Dann geht’s wieder ins Ausland. Sie sind ständig unterwegs, immer in Bewegung, einem Job hinterher.“

Zur Vorbereitung dieser Reise habe ich mich mit statistischen Zahlen beschäftigt, wie man sie in Literatur und im Internet findet. Durch die Informationen und Erzählungen der Freunde in Stolipinovo lerne ich, diese Zahlen mit den Augen der Roma zu lesen. In Plovdiv – so erfährt man im Internet – hätten bei der letzten Volkszählung etwa 10.000 Menschen angegeben, dass sie der Volksgruppe der Roma angehörten. Wer nur einmal die Romasiedlungen in Plovdiv gesehen hat, weiß, dass dies eine irreführende, irrelevante Zahl ist. Sie ist dem bekannten Faktor „soziale Erwünschtheit“ – sprich dem umfassenden Rassismus in der bulgarischen Gesellschaft – geschuldet. Denn wer will sich hier schon offiziell als „Zigeuner“ bekennen? Allein in Stolipinovo leben ca. 55.000 Menschen, sagen unsere Freunde, und es ist eine klassische Roma-Siedlung. Wer hier lebt, ist Rom oder Romnij. Kein Bulgare, keine Bulgarin würde in Stolipinovo leben. Dabei spielt es keine Rolle, ob er oder sie nun slawischer oder türkischer Abstammung ist. Aber es wäre auch eine problematische Fremdbezeichnung, eine Etikettierung, die nicht mit dem Selbstverständnis der hier lebenden Menschen übereinstimmt, würde man nur sagen: „Sie sind Roma!“ Es ist wesentlich dazuzusagen: Der überwiegende Teil der Roma in Stolipinovo versteht sich als Türken, nicht als Roma. Die Mehrheit würde sich deshalb in einer offiziellen Befragung nie als Rom oder Romnij bezeichnen. Andererseits werden diese Menschen von der Mehrheitsgesellschaft, auch von den sog. „autochthonen“ Türken, als „Zigeuner“ bezeichnet und niemals als Türken …

Es ist schon zwölf vorbei. Die Zeit verging rasch während der Gespräche. Wir gehen Mittagessen in ein kleines Lokal gleich um die Ecke. Überall hört man Musik, wenn man durch die Straßen des Viertels geht. Wir kommen an einer Band vorbei, die auf der Straße spielt, elektronisch verstärkt. Die Lautsprecherboxen stehen am Straßenrand.

Die meisten Menschen in Stolipinovo sprechen Türkisch. Alle sagen, Stolipinovo sei ein Ghetto. Nun, es gibt keine sichtbaren Mauern um das Viertel, jedoch unsichtbare Barrieren, die beinahe unüberwindlich sind. Die Sprache ist eine solche Barriere. Sie verstellt den Zugang zu Bildungschancen und zu Arbeitsplätzen. Die Kenntnisse der Zweitsprache sind bei den meisten Jugendlichen im Viertel niedrig. Manche sprechen kaum Bulgarisch. Geringe Sprachkenntnisse führen zu Defiziten bei der schulischen Bildung. Und: Wenn die Jugendlichen schlecht qualifiziert sind, sind sie nicht in der Lage, irgendeine Arbeit zu bekommen. Die Konsequenz ist Arbeitslosigkeit. Sie liegt hier bei ca. 95 Prozent, meinen die Kollegen von der Stiftung. Einige finden zeitlich beschränkte Gelegenheitsjobs oder arbeiten schwarz in der Schattenwirtschaft.

Sprache generiert Macht, und Macht wird ausgeübt, indem Wörter, Sätze und auch Namen zum Instrument von Herrschaft werden. Es gab noch vor 1989 – also vor der Transformation Bulgariens von der sogenannt kommunistischen Einparteienherrschaft zur sogenannten Demokratie – mehrere Wellen einer Nationalisierung: Bulgarien sollte, trotz seiner Minderheiten, wieder einheitlich bulgarisch werden. 1984 begann die damalige kommunistische Einheitspartei mit der Bulgarisierung der türkischen Namen. Über 800.000 türkischsprachige Bulgaren hatten bereits ein Jahr später bulgarische Namen. Als im Mai 1989 die Protestbewegung gegen diese erzwungene Assimilation wuchs, öffnete das kommunistische Regime die Grenzen zur Türkei und setzte auf einen Massenexodus der türkischen Minderheit. Sie betrieb eine Politik, die einerseits eine „Auswanderungshysterie“ der türkischen Minderheit schürte, andererseits aber auch gezielt Oppositionelle auswies. Mehr als 350.000 türkischstämmige Bulgaren sollen 1989 das Land verlassen haben. Auch die türkischstämmigen und türkischsprachigen Roma wurden „bulgarisiert“. Das heißt, sie wurden gezwungen, slawischen Namen wie Ivanov und ähnliche anzunehmen. Nach dem Sturz der Einparteienherrschaft wurden die Personenrechte wieder hergestellt, und gegenwärtig ist das gesellschaftliche Klima gegenüber der türkischen Minderheit in Bulgarien wieder „liberaler“. Dennoch wollen die Kinder der Roma, die damals „bulgarisiert“ wurden, nicht mehr zu den türkischen Namen zurückkehren. Aus pragmatischen Gründen, die nichts mit Identitätsideologien zu tun haben: Denn als türkischer Rom wird man noch mehr diskriminiert wie als bulgarischer. Ich denke mir: Identität, ethnische Herkunft, Erstsprache – Zweitsprache, Religionszugehörigkeit … – alle Versatzstücke von Identität scheinen überformt zu sein von einem Herrschaftsdenken, das vereinheitlichen will. Man will eine uniformierte Nation und bringt nichts hervor als zerstückelte Identitäten …

Sonntag, der 16. November:

Diskriminierung und Rassismus gehören zum Alltag der BewohnerInnen von Stolipinovo. Neben dem wirtschaftlichen Elend und einer „falschen“ nationalen Identität sind sie die größte unsichtbare Mauer, die Stolipinovo zum Ghetto werden lässt. Unsere Gesprächspartner erzählen uns einige Beispiele aus ihrem Bekanntenkreis: „Ein Freund hat sein Kind im städtischen Kindergarten angemeldet. Das Kind wurde zwar angenommen, aber es gibt dort Segregation: also eine separierte Kindergartengruppe, wo nur Romakinder sind. Ein Bekannter wollte im letzten Sommer ein Schwimmbad in Plovdiv besuchen. Einfach im Sommer mit seinen Kindern baden gehen! Er wurde abgewiesen mit der Begründung, es sei überfüllt. Er sah aber, dass es beinahe leer war. Als er nachfragte, was das soll, bekam er die Antwort: „Anordnung vom Chef: No Roma!“ Letzten Sommer besuchten wir eine Schulung in Varna. Der Teilnehmerkreis war gemischt: Roma und Nichtroma. Besuch im Restaurant. Eine halbe Stunde lang kam kein Kellner an den Tisch, um unsere Bestellung aufzunehmen. Die Bulgaren, die dabei waren, gingen zum Manager. Sie bekamen zur Antwort: „Anordnung vom Chef: Keine Roma!““

Wer nach außen als Rom oder Romnij erkennbar ist, für den heißt es: keine Restaurants in der Stadt besuchen (selbst wenn Du sie bezahlen könntest), kein Schwimmbad, kein Einkaufen in den Geschäften … Es gibt noch welche, die sich aus dem Viertel heraus trauen: die mit hellerer Hautfarbe, und auch dann nur in Gruppen. Am wenigsten Probleme haben sie, wenn sie sich optisch nicht von der Mehrheitsbevölkerung unterscheiden. Eine junge Frau, die aus einem Nachbardorf zu Besuch ist und an einem Workshop der Stiftung teilnimmt, erzählt mir: „Manchmal gehen wir auch in die Stadt, in die Geschäfte. Viele von uns werden angepöbelt oder verjagt, wenn sie in die Stadt gehen. Mir selber ist es noch nicht passiert. Es kommt auch darauf an, wie man sich selbst verhält. Zum Beispiel macht es einen Unterschied, wie man sich kleidet. Wenn man sich schön anzieht, passiert das weniger.“ Die einzigen Roma, die wir während dieser vier Tage in der Innenstadt von Plovdiv zu Gesicht bekommen, sind die Straßenkehrerinnen. Frauen, die unter der Aufsicht einer Bulgarin offensichtlich den städtischen Reinigungsdienst versehen. Andreas klärt uns auf, als wir danach fragen: Die meisten Roma beziehen keine Sozialhilfe, obwohl sie bitterarm sind. Warum? Die Sozialhilfesätze sind extrem niedrig und reichen nicht zum Leben. Außerdem werden die EmpfängerInnen zu gemeinnützigen Arbeiten herangezogen. Die Romafrauen, die wir sahen, sind also Sozialhilfeempfängerinnen. Für diese Arbeit werden sie im Stadtzentrum geduldet.

Der Rassismus spielt sich nicht nur auf den Straßen und in den Geschäften der Stadt ab. Ein wachsender Bereich, in dem Roma ausgegrenzt und zu Zielscheiben des Hasses gemacht werden, sind die politisch-gesellschaftlichen Diskurse in den alten wie den neuen Medien: Politische Akteure wie Volen Siderov, der Vorsitzende der nationalistisch-bulgarischen Partei „Ataka“ bedienen sich einer offen verhetzenden Sprache gegen die sog. „Zigeuner“. Siderov ist im letzten Wahlkampf immer wieder mit der Aussage hervorgetreten: Sie sind „Mangal“, das heißt Scheißzigeuner, Dreckszigeuner. Eine andere Partei, die „Patriotische Front für die Rettung Bulgariens“, hat im Wahlkampf einen Menschenversuch an den Roma vorgeschlagen: Sie forderte, alle Zigeuner in von der Polizei bewachte Reservate zu stecken und als Touristenattraktion auszustellen. In den Stadien werden während eines Fußballspiels Transparente enthüllt: „Zigeuner zu Seife!“ Die Polizei greift nicht ein. Roma trauen sich deswegen kaum in ein Fußballstadion, auch wenn sie Fans des örtlichen Clubs sind. Sie schauen sich die Spiele im Fernsehen an.

Es ist Sonntag. Als ich danach frage, wie es die BewohnerInnen von Stolipinovo mit der Religion halten, ob es hier Moscheen und Kirchen gebe, erzählt Anton Karagyozov, der Vater von Assen, dass es in seiner Familie beides gebe: Moslems und Christen. Er selber sei evangelischer Christ und für ihn sei der Glaube sehr wichtig. Er gehe in eine freikirchliche Gemeinde, die ihre Gottesdiensträume am Rande des Viertels hat. Er könne den Pastor anrufen und fragen, ob er Zeit für ein Gespräch habe und wir die Gemeinde besuchen können. Wir stimmen zu, und er geht hinaus, um zu telefonieren. Am Nachmittag können wir kommen, sagt er nach dem Telefonat. Der Pastor freue sich auf unseren Besuch.

Für viele Roma von Stolipinovo hat Religion einen hohen Stellenwert. Es gibt zwei große religiöse Gruppen unter ihnen: die muslimischen Roma, die zum größten Teil türkischsprachig sind, und die christlichen, die teils türkisch, teils Romanes als Erstsprache haben. Die meisten ChristInnen in Stolipinovo waren früher bulgarisch-orthodox, doch viele von ihnen gehören jetzt den protestantisch-freikirchlichen Gemeinden an. Zwischen den Menschen mit unterschiedlichen religiösen Bindungen gibt es keine Trennung, meint Anton. Ein Beispiel für viele: Jemand erzählt uns, er komme aus einer Kernfamilie, die christlich ist. Jedoch in der weiteren Familie ist man mehrheitlich muslimisch. Zu den Begräbnissen wird der Hodscha geholt und nicht der Pope. Die Menschen werden nackt und in einem Tuch begraben und nicht mit ihren Kleidern und in einem Sarg. In der Gegenwart nimmt der Einfluss der freikirchlichen Missionare zu. Es gibt inzwischen einheimische Roma, die als Missionare ausgebildet sind, und diese Form des christlichen Glaubens verbreiten. Der Pastor, den wir am Nachmittag besuchen werden, gehört zu ihnen. In Bulgarien – das merkt Andreas zusätzlich an – gibt es noch eine kleine Gruppe von Bogumilen. Sie waren eine der ältesten christlichen Kirchen auf dem Balkan und gleichzeitig eine der ersten religiös-sozialen Bewegungen, die gegen das Staatskirchentum und die feudalistische Unterdrückung der Bauern auftrat. Die meisten ihrer Anhänger begrüßten die türkische Eroberung des Balkans im 15. Jahrhundert und konvertierten zum Islam. Seither blieben die Bogumilen eine religiöse Minderheit in Bulgarien. Sie sind jedoch auch im 21. Jahrhundert noch nicht ausgestorben. Andreas schätzt sie auf in etwa 300 Personen, mehr nicht.

Der Pastor und sein Sohn empfangen uns im Gottesdienstraum der Gemeinde, der zugleich der Versammlungsraum sein dürfte. Er ist in einem kleinen Gebäude untergebracht, das ich für eine ehemalige Lagerhalle halte. Er erzählt von seiner Arbeit und vom Leben der Gemeinde. Besonders emotional und mit Nachdruck schildert er die Situation der Jugendlichen in Stolipinovo. Er berichtet davon, dass die meisten auf der Straße leben, kaum in die Schule gehen, Drogen konsumieren oder verkaufen und keine Zukunft für sich sehen können. Kein Wunder, meint er. Denn die Gesellschaft tut nichts für sie – im Gegenteil. Aus keinem anderen Grund als deshalb, weil sie Roma sind, werden sie ausgegrenzt. Sie kommen nicht in die besseren Schulen im Stadtzentrum, sie haben keine Chance auf Arbeit, müssen ins Ausland, wo es ihnen oft auch nicht viel besser geht …

Während der Pastor spricht, denke ich an ein Gespräch, das ich gestern mit einem jungen Friseur aus Stolipinovo führte. Er hat mir seine Geschichte erzählt: „Ich hatte Schulfreunde, die nach Hamburg gegangen sind mit ihren Familien und hielt immer noch Kontakt zu ihnen über social media. Als ich 17 Jahre alt war, bin ich dann selber nach Hamburg gegangen, habe mir dort Arbeit gesucht und sie auch gefunden: Zuerst lebte ich 7 Monate lang nur bei der Familie meiner Freunde. Erst mit 18 konnte ich wirklich arbeiten. Ich arbeitete als Barkeeper in einer Bar in St. Pauli, 3 Jahre lang. Während dieser Jahre musste ich immer zwischen Hamburg und Stolipinovo hin und her wechseln, denn ich konnte nur für 3 Monate dort bleiben. Zurück in Plovdiv bin ich dort zur Schule gegangen. Nach diesen drei Jahren arbeitete ich zwei Jahre lang in einem Hotel. Als die Schule zu Ende war, blieb ich zunächst dauerhaft in Hamburg. Aber meine Mutter ist schon alt, und deshalb kehrte ich nach Stolipinovo zurück. Sie lebt Gott sei Dank noch. Ich kann auch hier etwas Geld verdienen und arbeite als Visagist und Friseur. In Zukunft jedoch will ich wieder zurück nach Deutschland und dort meinen Beruf weiter ausüben. In diesem Land ist es weder für mich noch für die andern von uns möglich, ein normales Leben zu führen.“

Der Pastor meint, die Gemeinde versuche, die Jugendlichen von der Straße zu holen. Die Gemeinde bietet ihnen Musikunterricht an. Es gibt mehrere Chöre. Es kommen viele, und dennoch ist es nur ein kleiner Teil der Masse von Jugendlichen, die hier ohne Perspektive in den Straßen leben. „Ich bin selber Rom und weiß, wie es den Leuten hier geht, was ihre Bedürfnisse sind. Wir versuchen zu helfen und die Verhältnisse hier zu verbessern. Es ist schwer, aber wir haben Hoffnung. Denn wir verstehen uns in der Tradition von Martin Luther King und der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Auch ihr Kampf schien aussichtslos, und heute haben sie einen schwarzen Präsidenten!“

Montag, der 17. November:

Zum Abschied waren wir gestern abends mit Anton und Assen noch essen. Wir waren verabredet in einem der „guten“ bulgarischen Restaurants in der Stadt. In diesem Lokal sind die beiden bekannt, und wir werden bedient.

Ursula Liebing hat gestern noch mit einer Mitarbeiterin der ROMA Foundation über die Situation der Frauen im Stadtteil gesprochen. Deren Situation ist geprägt von einem klassischen Rollenmuster: Sie sind in der Regel ausschließlich für Haushalt, Pflege, Versorgung der Familie und Kinderbetreuung zuständig – ein schwieriges, oft unmögliches Unterfangen; es heißt: abgetragene Kleider nochmals zusammenzunähen und zu flicken, aus Nichts etwas zum Essen auf den Tisch zu stellen, … Die Frauen haben deshalb noch weniger Zugang zu Bildungschancen als die Männer. Schule und berufliche Ausbildung sind für sie zweitrangig. Diese Rollenverteilung kommt zunächst durch patriarchale Rollenbilder zustande und wird durch die soziale Situation noch verstärkt. Denn die jungen Männer sind einen großen Teil der Zeit unterwegs auf der Suche nach Jobs… Ein weiteres Problem stellen die frühen Schwangerschaften dar. Die jüngste Frau, die schwanger war und von der Foundation betreut wurde, war ein elfjähriges Mädchen. Deshalb sei es ganz wichtig, Bildungsangebote zu Verhütung und Familienplanung zu setzen, meinte die Mitarbeiterin. Ein weiteres Problem für Frauen ist die Gesundheitsvorsorge, im besonderen die Vorsorge gegen HIV, denn viele der jungen Männer in Stolipinovo gehen als Stricher nach Deutschland, um Geld für die Familie zu verdienen. Die Betreuung und Begleitung solcher junger Familien – die Eltern sind Jugendliche oder fast noch Kinder – ist auch deshalb wichtig, weil sonst viele Kinder der Roma von den Jugendämtern abgenommen und fremd untergebracht werden. Eine soziale Begleitung der Familie erleichtert wiederum die Rückholung fremd untergebrachter Kinder in die eigene Familie. Frauen, die alleine sind, weil der Mann sich von ihnen trennte oder im Ausland blieb, haben den doppelten Druck: Familienarbeit und Geldverdienen – das unter katastrophalen sozialen Bedingungen. Nur wenige Frauen in Stolipinovo, meinte die Mitarbeiterin, gehen der Sexarbeit nach, und wenn, sind es alleinstehende.

Am Montag früh holt uns Assen ab. Er bringt uns mit seinem Auto nach Sofia. Ich trage während der Fahrt wenig zum Gespräch bei. Mir gehen die Bilder der letzten drei Tage durch den Kopf, und Ausschnitte von Gesprächen fallen mir ein. Der Abschied am Flughafen ist herzlich und kurz: Assen steht im Halteverbot. Bis unser Flug aufgerufen wird, schlendern wir durch die Shops. Nun fallen mir die Waren und die Umgebung hier auf. Ich empfinde als irritierend luxuriös, was mir bei der Anreise in Schwechat so vertraut war, dass ich es kaum wahrgenommen habe. Ich fühle mich fremd hier.

Nähere Informationen zur ROMA Foundation sowie zur Partnerschaft mit der Plattform unter: www.menschenrechte-salzburg.at

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