„Der Kranke ist der Hellsichtige“

krankheit_band2„Der Kranke ist der Hellsichtige“.Überlegungen zur Verhältnisbestimmung von Literatur und Krankheit in den ‚autobiographischen‘ Texten Thomas Bernhards

Die Erfahrung von Krankheit (der eigenen wie jener von Menschen aus seinem Umfeld) hat in Leben und Literatur des Thomas Bernhard eine prägende Rolle gespielt. Ich werde diese These im Folgenden in Form einer Untersuchung des Verhältnisses von Literatur und Krankheit in den „autobiographischen“ Texten einer Prüfung unterziehen.

Zunächst lässt sich festhalten: Krankheit erscheint als Thema in Bernhards Werk in signifikanter Häufigkeit und auf vielfältigste Weise. Ich nenne hier nur einige Beispiele: die frühe Gedichtsammlung „In hora mortis“2, die Prosawerke „Amras“3 und „Wittgensteins Neffe“4 sowie die Stücke „Der Theatermacher“ und „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Zwei zentrale Prosawerke für das Verhältnis von Literatur und Krankheit sind der dritte und vierte Band der sog. „autobiographischen“ Pentalogie, „Der Atem“ und „Die Kälte“. Beide gestalten das Thema an einer Schnittstelle zwischen biographischer Krankheitserfahrung und literarischer Krankheitsgestaltung und erzählen von einer Lebensphase, die für die weitere Künstlerbiographie Bernhards von eminenter Bedeutung war, in der ihm eigenen literarischen Perspektive. In einer „Notiz zu ‚Der Atem‘“, die offenbar als Werbetext für das Buch gedacht war, verdeutlicht Bernhard die zentrale Zielsetzung, die er mit diesem Text verbindet. Manfred Mittermayer referiert die Notiz in seiner Biografie: „Das Buch verfolge ‚im Verlauf eines für den Berichterstatter lebensentscheidenden Krankheitsprozesses‘ die ‚nachhaltig erschreckenden inneren und äußeren Ereignisse und Vorfälle‘ als einen ‚allgemeingültigen Versuch‘, fortan ‚mit Krankheit und Tod konfrontiert zu leben‘.“5

Sein Halbbruder Peter Fabjan hat Bernhard im familiären Kontext jener Zeit erlebt, die den Handlungsraum seiner autobiographischen Texte ausmacht. Weiters hat er ihn während seiner letzten zehn Lebensjahre sowohl als Arzt wie auch als ihm nächststehender Mensch begleitet.6 Fabjan benennt einerseits „das verzweifelte Verlassenheitsgefühl“ während seiner Krankheiten, andererseits die „Kraft“, die er aus der Auseinandersetzung mit dem Anstaltspersonal, aus dem Ringen um seine Autonomie in der Krankheit, um die Souveränität über seinen Körper gewonnen hat, als die zentralen Momente, die Bernhards Verhältnis zur Krankheit bestimmt haben.

Krankheit und Leidenserfahrung gewinnen im Werk von Thomas Bernhard – so die Medizinhistorikerin Monika Kohlhaase7 – „den Charakter einer Obsession“8. Wie andere AutorInnen auch vertritt Kohlhaase die These, dass eine frühe, jahrelange Konfrontation des jungen Bernhard mit Krankheit und Todesnähe die Ursache jener obsessiven Verarbeitung des Krankheitsmotivs in seinem Werk sei. Sie stützt sich dabei hauptsächlich auf die „Krankheitsgeschichte“, wie sie in seiner autobiographischen Pentalogie aufgezeichnet sei.9

Im Folgenden geht es allerdings nicht um ein medizinhistorisches Erkenntnisinteresse, sondern um eine ästhetisch-literaturwissenschaftliche Grunderkenntnis, die auch dieser Annäherung an das Verhältnis von Literatur und Krankheit im Werk von Thomas Bernhard zugrunde liegt: Jede Wirklichkeit ist so , wie sie uns in literarischen Texten entgegentritt, literarisch geformte Wirklichkeit im Sinne einer „Er-findung“. Ich vermeide sowohl den Begriff der Wirklichkeitskonstruktion wie den der Wirklichkeitsverarbeitung, da ich in dem hier verwendeten Konzept von Fiktionalität weder vom Primat einer sog. „objektiven“ Realität, noch von dem einer subjektiv konstruierten Wirklichkeit ausgehen möchte.10 Gerade Bernhards Texte vermitteln eine für ihn unauflösbare Ambivalenz zwischen einer „äußeren Realität“, die nicht zuletzt über seine Vita vermittelt ist, und der „literarischen Realität“ seiner Texte, da gerade die Elemente seiner Vita in den sog. „autobiographischen“ Texten deutliche Elemente einer Fiktionalisierung aufweisen.11 Im ersten Schritt sollen Teilbereiche jener „äußeren Realität“ in Form einer Annäherung an die autobiographischen Elemente in Thomas Bernhards Pentalogie dargestellt werden – nicht in Form einer „Krankengeschichte“, sondern nur insoweit, als sie für das spezifische Verhältnis von Literatur und Krankheit in Bernhards Werk von Bedeutung sein können.

Erstens: Krankheit als Lebens-Erfahrung. Krankheit in der Biographie des Thomas Bernhard

Die erste Phase: Landeskrankenhaus (LKH) Salzburg und Erholungsheim Großgmain:

Im Alter von noch nicht achtzehn Jahren erkrankte Thomas Bernhard – gemäß der Schilderung am Beginn von „Der Atem“ – an einer „sogenannten nassen Rippenfellentzündung“12, welche er auf eine Erkältung zurückführte, die er sich Ende Oktober 1948 beim Abladen von Kartoffeln während seiner Arbeit in der Lebensmittelhandlung des Karl Podlaha zugezogen hatte.13 Bernhard schildert im vorausgehenden Band der Pentalogie, „Der Keller“, wie er nach einer schweren Grippe, die auf jene Erkältung folgte, zu früh wieder aufgestanden und an die Arbeit gegangen war, obwohl er immer noch Fieber hatte. Er resümiert an dieser Stelle, dass ihn diese Handlungsweise, die er als „eklatante Dummheit“ bezeichnet, in eine Krankheit „zurückgeworfen“ habe, durch die er „über vier Jahre lang an Krankenhäuser und Heilanstalten gefesselt“ war und mehrmals „zwischen Leben und Tod“ schwebte.14 Der Infekt wurde nicht ausgeheilt. Die Erfahrungen mit seiner Krankheit, die auf diese nicht ausgeheilte Grippe folgte, schildert Thomas Bernhard in „Der Atem“: Als sein Großvater Johannes Freumbichler am 15. 1. 1949 von einem Internisten wegen einer „nicht näher bezeichneten Merkwürdigkeit“15 ins Landeskrankenhaus (LKH) Salzburg überstellt wurde, brach auch Bernhards eigene, nicht ausgeheilte Krankheit „mit geradezu erschreckender Heftigkeit“16 wieder aus, und er wurde zwei Tage danach ins selbe Krankenhaus eingeliefert wie sein Großvater.17 Es erfolgte eine Akutbehandlung mit mehreren „Punktionen“. Die erste Punktion erfolgte unmittelbar nach seiner Einlieferung. Dabei waren, „sozusagen als erste lebensrettende Maßnahme, drei Liter dieser gelbgrauen Flüssigkeit aus meinem Brustkorb entlassen worden.“18 In einer späteren Passage von „Der Atem“ schildert er detailliert diese Behandlungsmethode aus seiner eigenen Wahrnehmungsperspektive.19 Auch danach befand sich Bernhard weiterhin in einem lebensbedrohlichen Zustand. Erst nach mehreren Tagen trat eine langsame Besserung seines körperlichen Zustandes ein.

Er wurde schließlich vom LKH in ein „Erholungsheim für an den Atemwegen Erkrankte“, das Hotel „Vötterl“, in Großgmain überstellt, wo sich sein Gesundheitszustand weiter besserte. Kurz vor seiner Entlassung wurde beim Röntgen „ein sogenanntes Infiltrat auf dem rechten unteren Lungenflügel“ festgestellt. Er quittiert diesen Befund mit der Feststellung: „(…) in Großgmain war ich aufeinmal lungenkrank“20. Am 26. 2. 1950 wurde Thomas Bernhard dennoch als geheilt entlassen und kehrte nach Salzburg zurück. Am Schluss der Erzählung von „Der Atem“ hielt er einen „Einweisungsschein in die Lungenheilstätte Grafenhof“ in der Hand.

Die zweite Phase: Lungenheilstätte Grafenhof und nochmals LKH Salzburg

Der erste Aufenthalt Thomas Bernhards in Grafenhof dauerte sieben Monate von Juli 1949 bis Februar 1950.21 Den weiteren Verlauf seiner Krankheit erzählt Bernhard im vierten Band der Pentalogie „Die Kälte. Eine Isolation“. Zunächst schildert Bernhard, die hohe Bedeutung, die von den Ärzten in Grafenhof der Untersuchung des Sputums beigemessen worden sei: Der Primararzt „… forderte nur, daß ich spuckte, und war erbost, weil aus mir wochenlang kein Sputum herauszubekommen war.“22 Er beschreibt die hohe, nahezu religiöse Bedeutung der Sputumproduktion in Grafenhof: „Eine Prozession fand hier statt (…), jeder Teilnehmer an dieser Prozession trug seine eigene Monstranz vor sich her: die braune Spuckflasche.“23 Die Untersuchung des Sputums diente dem Mycobakteriennachweis. Nach fünf Wochen wurde ihm ein positiver Befund der Sputumuntersuchung mitgeteilt. Nach fünf Tagen stellte sich heraus, dass sein Befund aufgrund einer Verwechslung falsch gewesen sei: Er sei nun doch negativ. Daraufhin wurde noch einige Zeit der Schatten auf seiner Lunge behandelt, der sich verkleinerte und schließlich zur Gänze verschwand. Thomas Bernhard wurde wenig später als geheilt entlassen. Zwei Tage nach seiner Entlassung erfuhr er aufgrund eines Laborbefundes im Zuge einer Routineuntersuchung, dass er nun doch an offener Tuberkulose leide. Bei einem neuerlichen Aufenthalt im Salzburger LKH wurde bei ihm ein Pneumothorax angelegt.24 Nach einigen Tagen wurde er wieder entlassen und musste sich bei einem Salzburger Lungenfacharzt in dessen Ordination in regelmäßigen Abständen sein „Pneu füllen lassen“25. Durch eine Unachtsamkeit des Arztes kam es bei einer dieser Befüllungen zu einer lebensgefährlichen Komplikation. Bernhard wurde mehrere Male ohnmächtig und schließlich von zuhause wieder in die Lungenabteilung des LKH eingewiesen.

Nun wurde vom dortigen Primarius, der – nach Bernhards Wahrnehmung – bereits durch einen Kunstfehler den Tod seines Großvaters verursacht hatte, eine Quetschung des Nervus Phrenikus vorgenommen, um anschließend ein Pneumoperitoneum anlegen zu können, das „über dem Nabel in Körpermitte gefüllt wird und auf beide Lungenflügel gleichzeitig von unten herauf drückt“ – zur damaligen Zeit noch kein „Routineverfahren“, wie Monika Kohlhaase feststellt.26 Der Eingriff wurde offenbar nur unter örtlicher Betäubung vorgenommen, und Bernhard hatte vorher eine Betäubungsspritze („im Volksmund Wurstigkeitsspritze“) erhalten. „Die Spritze bewirkte, dass der Betäubte in Sekundenschnelle vom angstbesessenen Opfer zum interessierten Beobachter“ wurde.27 Thomas Bernhard beschreibt mit großer Detailgenauigkeit seine Wahrnehmungen während des Eingriffs. Auch bei der Phrenikusquetschung kam es wieder zu einer Komplikation. Kohlhaase vermutet eine arterielle Blutung. Nach der OP schlief Bernhard ein. Beim Aufwachen erschien der Primarius und versicherte ihm, es sei alles gut gegangen, nichts sei passiert. „(…) ich höre es heute noch, dieses nichts. Aber es war etwas geschehen, dachte ich, denke ich heute noch.“28 Die OP war dennoch gelungen, der Phrenikusnerv gequetscht, und eine Woche später konnte das Pneumoperitoneum angelegt werden.

Bernhard erholte sich langsam wieder, er nahm die Umgebung wahr und führte sich seine jetzige Lebenssituation vor Augen. Er war lungenkrank und musste viele Hoffnungen, die er früher hegte, aufgeben – etwa die auf eine Sängerkarriere: „Den Jago hatte ich singen wollen und lag jetzt mit einem Bauchpneu in der Lungenbaracke“.29 Als er schließlich aus der Lungenabteilung des LKH entlassen wurde – mit einer neuerlichen Überweisung nach Grafenhof – kam es zu einer letzten Begegnung mit der todkranken Mutter. Zwei Tage später war er wieder in Grafenhof.

Die dritte Phase: Nochmals Grafenhof

Vom 13.7.1950 bis zum 11.1.1951 dauerte der zweite Aufenthalt Thomas Bernhards in Grafenhof. Bei den beiden Aufenthalten in der Lungenheilstätte lernte Bernhard zwei Menschen kennen, die für sein weiteres Leben von großer Bedeutung werden sollten: Den damals 27jährigen „Kapellmeister“ Rudolf Brändle, mit dem ihn seine Liebe zur Musik verband, traf er während beider Aufenthalte. Ca. zwei Monate lang bewohnten beide das gleiche Zimmer. Die Freundschaft wurde zu einer dauerhaften. Brändle schreibt in einem Brief an Louis Huguet: „Über all die Jahre freundschaftlicher Kontakt mit Thomas Bernhard und Frau Dr. Hede Stavianicek.“30 Die zweite wichtige Beziehung ist eben die zu Hedwig Stavianicek. Bernhard lernte sie kennen, als er – wie öfter während seines zweiten Grafenhof-Aufenthaltes – in der St.-Veiter Pfarrkirche, von Brändle auf der Orgel begleitet, sang: „Einmal, kann ich mich erinnern, war unten eine Dame, die war so richtig fasziniert. Die hat uns nachher angesprochen – das war eine Dame aus Wien, und das war die Frau Dr. Stavianicek, die in seinem Leben noch eine sehr wichtige Rolle spielen sollte.“31

Am 13.10.1950 starb Thomas Bernhards Mutter Hertha Fabjan-Bernhard an Gebärmutterkrebs und wurde vier Tage später auf dem Henndorfer Friedhof beerdigt. Bernhard erfuhr vom Tod seiner Mutter erst durch eine Zeitungsnotiz in den „Salzburger Nachrichten“.32 Er nahm am Begräbnis teil und zog sich danach für einige Tage völlig von der Umwelt zurück. „Erst der unaufschiebbare Termin für die nächste Füllung meines Pneumoperitoneums brachte mich wieder zur Raison.“33 Am 11.1. („einem kalten Wintertag“) beendete er seinen Aufenthalt in Grafenhof „vorzeitig, auf eigene Gefahr“34 und kehrte zu seiner Familie zurück.

Wieder hatte er jede Woche einen Lungenfacharzt aufzusuchen, um sein Pneu befüllen zu lassen. Wieder kam es zu einer Komplikation: Bernhard hatte drei oder vier Wochen bis zur nächsten Befüllung verstreichen lassen, und er vermutete, dass es aus diesem Grund zu einer Embolie kam. Der Arzt und dessen Gehilfin konnten sein Leben retten, doch das Pneumoperitoneum war wiederum zerstört. Monika Kohlhaase vermutet aufgrund von Bernhards Beschreibung eine häufig vorkommende Komplikation: eine Luftembolie, die jedoch nichts mit der Verzögerung des Nachfülltermins zu tun gehabt habe, da man das Pneumoperitoneum im Unterschied zum Pneumothorax ohne Risiko für den Patienten eingehen lassen und wieder anlegen könne.35 Im Gefolge dieser Komplikation hätte er neuerlich nach Grafenhof zurückkehren müssen. „Aber ich weigerte mich und fuhr nicht mehr hin.“36

Zweitens: Theoretische Überlegungen zum Verhältnis von Literatur und Krankheit

Der zweite Schritt dieser Annäherung an das Verhältnis von Literatur und Krankheit im Werk von Thomas Bernhard besteht in der Auseinandersetzung mit drei theoretischen Diskursen, die den Komplex Literatur bzw. Kultur und Krankheit auf unterschiedliche Weise reflektieren. Es handelt sich dabei um den Essay von Susan Sontag „Krankheit als Metapher“37, die Studien von Alexander Mitscherlich zum Themenbereich „Krankheit als Konflikt“38 und die Habilitationsschrift von Thomas Anz zu „Medizin, Moral und Ästhetik in der deutschen Gegenwartsliteratur“39. Diese drei Ansätze bewegen sich auf unterschiedlichen Diskursebenen, lassen sich jedoch alle in zentralen Aussagen auf spezifische Merkmale der literarischen Auseinandersetzung Thomas Bernhards mit Krankheit beziehen. Eine grundlegende Fragestellung in der theoretischen Reflexion von künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Erfahrungsfeld Krankheit ist die nach dem Verhältnis verschiedener Wahrnehmungsebenen. In der Beschäftigung mit dem Komplex Literatur und Krankheit werden diese verschiedenen Ebenen meist in zwei Polen vereinfachend zusammengefasst: in den Pol des sog. „empirischen“ Phänomens Krankheit, das sich auch (medizin-)wissenschaftlich erfassen lässt, und in den Pol des künstlerisch-literarischen Phänomens Krankheit, der sich vom „empirischen“ Wahrnehmungsbereich deutlich unterscheidet, in manchen Fällen auch im Gegensatz zu ihm steht.40 Wie bereits eingangs gesagt: Jene Wahrnehmungsform, wie sie uns in literarischen Texten entgegentritt, möchte ich als literarisch geformte Wirklichkeit im Sinne einer „Er-findung“ von Wirklichkeit bezeichnen. Diese „Er-findung“ ist weder eindeutig im Sinne einer Wirklichkeitskonstruktion zu verstehen, wie sie etwa in diskursanalytischen Ansätzen dargestellt wird. Ein diskursanalytischer Zugang würde jede Möglichkeit einer Aussage über Realitäten ablehnen, die außerhalb des Diskurses liegen. Ein solcher Ansatz würde dem literarischen Universum des Thomas Bernhard m.E. nicht gerecht, da Bernhard – wie bereits im ersten Teil verdeutlicht wurde – seinen „autobiographischen“ Texten eine teilweise sehr detailgenaue Schilderung seines realen Krankheitsverlaufes zugrunde legt. Ebenso wenig lässt sich jedoch in der literarischen Gestaltung der Krankheitserfahrung von der Ästhetik einer reinen Wirklichkeitsverarbeitung ausgehen, da das Konzept von Fiktionalität, wie es Bernhard für seine „autobiographischen“ Schriften entwickelt hat, über einen Bericht lebensgeschichtlicher Tatsachen weit hinausgeht. Deshalb würde eine Lektüre der sog. „autobiographischen“ Pentalogie als reiner „Krankengeschichte“ deren literarischen Sinn verfehlen.

Susan Sontag: Gegen die Metaphorisierung von Krankheit41

Thomas Bernhard arbeitet in mehreren Passagen der Pentalogie einen deutlichen Gegensatz zwischen „gesund“ und „krank“ heraus. So schildert er in einer Passage von „Die Kälte“, wie er während seines ersten Aufenthaltes in Grafenhof in totale Hoffnungslosigkeit verfällt: Er hat den Kampf gegen seine Krankheit aufgegeben, sich damit arrangiert. Er begreift sich als „Kranker“ und will nun mit „Draußen“, mit der Welt der Gesunden nichts mehr zu tun haben: „Ich hatte die Abscheu und den Haß gegen Grafenhof (…) abgelegt, den Haß gegen Krankheit und Tod, gegen die sogenannte Ungerechtigkeit. Nicht das Hier haßte ich jetzt, ich haßte das Dort, das Drüben und das Draußen, alles andere!“42. Noch deutlicher beschreibt er diese Polarität in einer anderen autobiographisch fundierten Erzählung, die eine spätere Phase seiner Krankheit thematisiert, in „Wittgensteins Neffe“. Dort reflektiert er in einer längeren Passage den Interessensgegensatz zwischen „Gesunden“ und „Kranken“, der für ihn in einen existentiellen Konflikt mündet: „Die Kranken verstehen die Gesunden nicht, wie umgekehrt die Gesunden nicht die Kranken, und dieser Konflikt ist sehr oft ein tödlicher, dem letzten Endes der Kranke nicht gewachsen ist, aber auch naturgemäß nicht der Gesunde, der an einem solchen Konflikt schon oft krank geworden ist.“43

Auch Susan Sontag geht in ihrem Essay von einer strikten Entgegensetzung der zwei Erfahrungswelten aus: Die Erfahrungswelt der Gesunden steht der der Kranken gegenüber. „Zwei Reiche“, „zwei Staatsbürgerschaften“44 sind es, in denen wir uns als Gesunde wie als Kranke befinden. Sontag betont gleich eingangs den Gegensatz, die Unvermittelbarkeit beider Welten. Aus dieser Polarisierung folgt für Sontag unmittelbar eine weitere: die zwischen der „physischen Krankheit als solcher“ und ihrer „Verwendung (…) als Bild oder Metapher“45. Ihre Kritik bezieht sie auf eben diese Verwendung, die sie als verzerrende Instrumentalisierung entlarven möchte: „Zeigen will ich, daß Krankheit keine Metapher ist und daß die ehrlichste Weise, sich mit ihr auseinanderzusetzen – und die gesündeste Weise krank zu sein – darin besteht, sich so weit wie möglich von metaphorischem Denken zu lösen“.46

Ich will in diesem Zusammenhang nur einen Aspekt im Gedankengang dieses Essays herausgreifen.47 Im Mittelpunkt des moralischen Duktus der Kritik von Susan Sontag steht die/der Kranke als Subjekt. Der Essay war ja u.a. aus dem eigenen Erleben ihrer Krebserkrankung heraus geschrieben worden.48 Feststehende ästhetische Voraussetzung für Sontags Argumentation ist, dass kulturelle und literarische Diskurse sich auf eine ihnen vorausgehende und von ihnen unabhängige physische Realität von Krankheit beziehen. Davon ausgehend nimmt sie einen ethischen Standpunkt ein, den sie aus der „komplexen moralischen Verpflichtung der Intellektuellen“ herleitet49: Krankheiten werden seit der Antike in einem kulturellen Diskurs, der v.a. durch literarische Texte geformt ist, metaphorisch überformt und negativ konnotiert50: Die Welt der „Gesunden“ betrachtet sich als „normal“ und grenzt die Welt der „Kranken“ als anormal aus. Auch darin stimmt Sontags Standpunkt mit einer von Thomas Bernhard in seinen Texten reflektierten Erfahrung überein: Ein durchgängiges Motiv in den „autobiographischen“ Erzählungen ist Bernhards Gegnerschaft gegenüber Ärzten, mit denen er im Verlaufe seiner „Krankheitsgeschichte“ zu tun hatte. Gerade in diesem Motiv realisiert sich u.a. der Konflikt zwischen einer durch die Ärzte repräsentierten Welt der „Gesunden“ und der Erfahrungswelt des von ihnen behandelten „Kranken“, der wie ein „Untergebener“, wie ein „Objekt“ ihrer Behandlungsmethoden erscheint. So beschreibt Bernhard die Lungenheilstätte Grafenhof als einen Ort des Schreckens, an dem die Ärzte „absolut und in völliger Immunität“51 über die Patienten herrschen. Beim Primarius, der Nationalsozialist und bereits während des Krieges in Grafenhof gewesen sei, stellt er militärisches Gehabe fest und bei seinen Assistenten „bedingungslosen Gehorsam“. Der Primarius – so Bernhard – betrachte die Heilstätte als „Strafanstalt“52. Alle von ihm geschilderten Charakteristika des dortigen autoritären Regimes weisen Parallelen zu den Schilderungen der bisher von ihm erlebten „Kranken-Anstalten“ auf: des Hotel „Vötterl“ sowie der Landeskrankenanstalt (in „Der Atem“).53

Damit geschieht v.a. den Kranken Unrecht, weil sie in der gesellschaftlichen Realität, die durch solche Metaphorisierungen geprägt ist, als Außenseiter, als von einer positiv besetzten Normalität Abweichende betrachtet werden. Neben Krebs ist Tuberkulose für Sontag eine der am meisten von Metaphern überfrachteten Krankheitsformen, und – wie Krebs – wird sie bis heute in ihrer Ätiologie einem persönlichen Makel der Kranken zugeschrieben: „Ärzte und medizinische Laien glaubten an einen Tb-Charakter –wie heute der Glaube an einen krebsanfälligen Charaktertyp (…) als fortschrittlichstes medizinisches Denken gilt.“54 Susan Sontag kritisiert vor diesem Hintergrund die romantisierenden Zuschreibungen an die Lungentuberkulose, wie sie in der europäischen Literatur seit dem 18. Jahrhundert immer wieder vorgenommen wurden und schließlich zum Topos eines bestimmten Künstlertypus – des romantischen, sich und seine Gesellschaft überschreitenden Künstlers – wurden. „Viele der literarischen und erotischen Verhaltensweisen, die als ‚romantischer Schmerz‘ bekannt sind, stammen von der Tuberkulose und ihren Umformungen durch die Metapher.“55

Thomas Bernhard hat in den beiden „autobiographischen“ Erzählungen, die die Geschichte seiner Erkrankung an Tuberkulose erzählen, die Krankheit ebenfalls literarisiert – allerdings in einer Form, die gegen ihre „Romantisierung“ gerichtet ist.56 Er schildert die Krankheit in all ihren grausamen, antiästhetischen Erscheinungsformen mit einer großen Präzision und Nüchternheit, die jeder Ästhetisierung im Sinne eines schönen Scheins entgegensteht. Was Susan Sontag und Thomas Bernhard in ihren Darstellungsintentionen eint, ist die Verteidigung des Kranken als Subjekt – nicht zuletzt aus der jeweils biographischen Erfahrung der eigenen Krankheit heraus. Beide widersetzen sich der Ausgrenzung und Dehumanisierung kranker Menschen: Sontag, indem sie sich gegen ihre Deformierung als Träger einer negativ besetzten Metapher ausspricht, Bernhard indem er das Selbstbestimmungsvermögen und –recht des Kranken gegen seine Verobjektivierung im Medizinsystem behauptet. Der (allerdings nicht unwesentliche) Unterschied zwischen den Ästhetikkonzepten beider liegt in der Konsequenz aus dieser „Aufwertung des Kranken“ (Thomas Anz) als Subjekt: Während sich Sontag in der Folge gegen jegliche Literarisierung der „physischen Tatsache“ Krankheit wendet, stellt Bernhard einer romantisierenden Stilisierung seine desillusionierende, negativ gepolte literarische „Er-Findung“ der Krankheitserfahrung entgegen.

Alexander Mitscherlich: Krankheit als Akt der Lebensgestaltung

„Krankheit als Konflikt“ ist der Titel einer Sammlung von Aufsätzen des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich zur psychosomatischen Medizin, die in drei Bänden erschienen ist.57 Mitscherlich versucht in jeder dieser Studien – in Fortführung der Psychoanalyse Freuds und der modernen Psychologie – die wechselseitige Beeinflussung organischer und psychischer Prozesse zu analysieren. Mitscherlichs Ansatz geht in eine ganz andere Richtung als das Plädoyer von Susan Sontag. Denn er versucht, Krankheit als Mitteilung tiefgreifender, oft verdeckter Verhaltensstörungen zu verstehen. Krankheiten bringen für Mitscherlich individuelles Befinden der PatientInnen zum Ausdruck; sie formulieren Konflikte, die der Arzt entziffern und begreifen muss, um Ansätze für eine Heilung finden zu können. Für die literarische Repräsentation von Krankheit kann dieser psychosomatische Ansatz eines Krankheitsverständnisses bedeuten, dass die Versprachlichung, das Zursprachebringen von Krankheit in ihrer literarischen Darstellung eben jenen wechselseitigen Zusammenhang zwischen physischen und psychischen Prozessen begreifbar macht und zu einem Element von Heilung werden kann.

Mitscherlich vertrat eine komplexe Vorstellung von Wahrnehmung, die über eine streng naturwissenschaftliche Verknüpfung von Reiz und Wahrnehmung hinausging.58 In seinen Studien zur psychosomatischen Medizin formulierte er u.a. eine Krankheitsätiologie, die auf der Verschiebung seelischer Konflikte in den Bereich des Körperlichen beruht. Diese Studien fassen – soweit dies ein Literaturwissenschaftler als medizinischer Laie wahrnehmen kann – eine Fülle von Analysen und Erkenntnissen zur Psychosomatik zusammen. Ich beschränke mich im Zusammenhang meines Themas auf eine spezifische Erkenntnis: Mitscherlich betrachtete die neurotische Form einer Verschiebung ungelöster psychischer Konfliktsituationen in ein Krankheitsgeschehen als das Preisgeben eines ursprünglichen Freiheitsraumes, eine Form der Flucht in die „Unfreiheit“ somatisierter Erkrankung.59

Durch seine spätere Hinwendung zur Psychoanalyse kam Mitscherlich zu einer deutlich weiter entwickelten Auffassung vom Zusammenhang zwischen Psyche und Krankheit. Im Mittelpunkt stand für ihn nun, dass Krankheit als Versuch des Patienten zu sehen sei, sich verständlich zu machen, zu kommunizieren. Damit wird auch das traditionelle Arzt-PatientIn-Verhältnis neu definiert. Es soll von einem hierarchischen, in dem der Arzt der „Führer“ und der Patient der „Geführte“ ist, zu einem Kommunikationsprozess gleichrangiger PartnerInnen werden. Gerade das ist es, was Thomas Bernhard bei seiner Ärztekritik im Besonderen im Fokus hatte: eine streng autoritär-hierarchisch gestaltete Arzt-Patient-Beziehung, die das Fortbestehen eines nationalsozialistisch geprägten Rollenverständnisses und der ihm entsprechenden Rollenpraxis ermöglichte. Bernhards „autobiographische“ Texte spiegeln, wie eine extrem autoritär geführte „Anstaltskultur“ in den Krankenanstalten seiner Jugend verstärkt zu einer Entmündigung der PatientInnen geführt hat. Er beschreibt in „Die Kälte“, wie er von der Ärzteschaft in Grafenhof während beider Aufenthalte erniedrigt und abgelehnt wird. Er wird als „Unduldsamer“, als „Aufsässiger“ wahrgenommen, weil er sich mit dieser Rollenzuschreibung nicht abfinden will. Seine eigene Position als „ungehorsamer“ Patient spiegelt sich für ihn in der Position seines Zimmerkollegen, eines Doktors der Rechte. Bernhard beschreibt, wie dieser als sich offen bekennender Sozialist zum Hassobjekt seiner „katholisch-nationalsozialistischen Umgebung“ in Grafenhof geworden ist, ein „Feind“, der „vernichtet“ werden musste: „Ich erinnerte mich an die Zurechtweisungen, die der Doktor im Zwölferzimmer nicht nur von den Ärzten, auch von den katholischen Schwestern zu ertragen gehabt hatte, an die Mißachtung seiner Person.“60

Alexander Mitscherlich bietet zu diesem Medizinsystem den Gegenentwurf einer „biographischen Medizin“, die gezielt nach den lebensgeschichtlichen Ursachen und Motiven der Krankheit fragt.61 Denn die Verarbeitung oder eben Nichtverarbeitung von biographischen Erlebnissen ist für ihn die „Antriebskraft hinter vielen – eben den psychosomatischen, den seelisch-leiblichen – Krankheiten. (…) In dieser Auseinandersetzung zwischen wahrnehmendem Ich und Innenwelt und zwischen Ich und Welt lässt die Entstehung einer Krankheit“ einen ungelösten Konflikt vermuten.62 Das Szenario eines solchen Konfliktes hat Thomas Bernhard in seinen „autobiographischen“ Prosaschriften entworfen. Sobald die Krankheit – so Mitscherlich weiter – in ihrer existentiellen Grundbedeutung für die Biographie eines Menschen wahrgenommen und anerkannt ist, kann man auch zu ihrer „aktiven Funktion“ im Leben eines Menschen vordringen. Das von Mitscherlich daraus entwickelte Krankheitsverständnis weist eine große Nähe zu den Reflexionen auf, die Thomas Bernhard in „Der Atem“ und „Die Kälte“ über die Bedeutung der Lungenerkrankung für sein Leben und deren Rolle in seiner Biographie entwickelt hat: „Wenn der Mensch nicht statistisches Zufallsergebnis ist, sein Schicksal tatsächlich in seinen Händen ruht, dann muss Krankheit nicht planloser Zwischenfall sein, dann ist denkbar, dass sie ein Akt der Lebensgestaltung ist, in dem Strebungen, Eigentümlichkeiten sichtbar werden, die überhört, vergessen worden sind und die sich nun mit Macht melden“.63

In dem entsprechender Weise beschreibt Thomas Bernhard seine Krankheitserfahrung als Prozess von einer nicht wirklichkeitsgemäßen Selbsteinschätzung (er spricht von „Selbstüberschätzung“) hin zu einem durch die Leidenserfahrung der Krankheit realistischer gewordenen Verständnis seiner selbst. Während der Zeit des Nachdenkens über seine durch die Krankheit radikal durchkreuzte Existenz in der sogenannten „Lungenbaracke“ des LKH betrachtete Bernhard seine bisherige Selbstwahrnehmung als eine verfehlte, die sich „langsam zur Verrücktheit und zum grotesken Größenwahnsinn gesteigert“ hatte64. Dieser (Selbst-)Erkenntnis folgt das Nachdenken über jene bisher mit Tabu belegten Bereiche seines Lebens, das reflektierende Eindringen „in die Zusammenhänge meiner Erzeuger, in meine eigenen Zusammenhänge, in den großen Zusammenhang“65– also, um den Zusammenhang mit Mitscherlichs „biographischer Medizin“ herzustellen, in den lebensgeschichtlichen Hintergrund seiner Krankheit. Bernhards Texte haben in der Folge der psychosomatischen Medizin als Beispiel gedient, um den Zusammenhang zwischen biographischen Abschnitten von Krankheit mit psychischen Heilungsprozessen zu verdeutlichen. Dieter Beck, außerordentlicher Professor für Psychosomatik und Psychiatrie an der Universität Basel, hat mehrere Abschnitte aus der Pentalogie in seinem Buch „Krankheit als Selbstheilung“ verwendet, um seelische Selbstheilungsprozesse zu beschreiben, die durch die lebensgeschichtliche Phase einer Krankheit initiiert oder gefördert werden.66

Bernhard entwirft in den beiden Bänden seiner autobiographisch orientierten Pentalogie einen geistigen Entwicklungsprozess, der ihn seine Krankheit – ganz im Sinne des Krankheitsverständnisses von Mitscherlich – als lebensgeschichtlichen Wendepunkt sehen lässt67: einen Wendepunkt, der ihn zum „Eigentlichen“ seiner persönlichen und künstlerischen Existenz hin geführt hat. Hier spielen die von Bernhard in „Der Atem“ wiedergegebenen Reflexionen seines Großvaters Johannes Freumbichler zu Krankheit und zu Krankenanstalten als Erfahrungsraum eine zentrale Rolle. Sie nehmen den Endpunkt dieses Entwicklungsprozesses leitmotivisch vorweg:

„Von Zeit zu Zeit seien solche Krankheiten, tatsächliche oder nicht, wie er ((Johannes Freumbichler)) sich ausdrückte, notwendig, um sich jene Gedanken machen zu können, zu welchen der Mensch ohne eine solche zeitweise Krankheit nicht komme. (…) Er halte sich, indem er sich in dem Krankenhaus aufhalte, zweifellos in einem ihm aufeinmal lebensnotwendig erscheinenden Denkbezirk auf.“68

Thomas Anz: Literatur als spielerische Auflösung der Gegensätze zwischen „gesund“ und „krank“

Thomas Anz, Literaturwissenschaftler und Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Marburg, hat in seiner Habilitationsschrift 1987, die unter dem Titel „Gesund oder krank?“ 1989 erschienen ist69, eine Analyse der Wechselwirkungen zwischen Medizin, Ethik und Literatur aus einer kulturgeschichtlichen Perspektive mit diskursanalytischem Methodenzugang vorgelegt. Anz untersuchte in diesem viele Beispielanalysen umfassenden Werk das Verhältnis von Krankheit und Literatur in seiner historischen Bedingtheit sowie in den Wechselwirkungen der Diskursebenen. Denn die Diskurse auf medizinischer, normativer und literarisch-kultureller Ebene beeinflussen sich wechselseitig, widersprechen oder bekräftigen sich und tauschen Begriffe aus, die sie jeweils neu kontextualisieren. Anz beschreibt, wie „Krankheit“ und „Gesundheit“ seit dem 18. Jahrhundert (der Zeit Büchners und Goethes) zu Begriffen geworden sind, die Diskurse prägen und eine normierende Funktion entwickeln. Zum einen wird die Opposition zwischen beiden Begriffen hierarchisiert, zum andern wird sie mit anderen gängigen semantischen Polaritäten wie „Hässlichkeit“ – „Schönheit“, „Falschheit“ – „Wahrheit“, „böse“ und „gut“ verbunden. Thomas Anz expliziert u.a. am „Fall“ des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz, der durch seine literarische Rezeption ein exemplarischer in der europäischen Kulturgeschichte geworden ist, wie tief moralische, ästhetische und religiöse Urteile in den Diskurs über „Krankheit“ und/oder „Gesundheit“ hinein verwoben sind. Zum Bericht des Pastors Oberlin über Lenz‘ Geisteskrankheit (zeitgenössisch als „Melancholie“ bezeichnet), der später zur Grundlage von Büchners Erzählung wurde, schreibt Anz: „Mit seiner moralistischen Erklärung der Melancholie, die ihm als Folge normwidriger Verhaltensweisen erschien, folgt Oberlin nicht nur gängigen Denkmustern seiner Zeit, sondern er bediente sich damit, mehr oder weniger bewußt, einer Strategie zur Durchsetzung sozialer Normen, die, unterschiedlich ausgeprägt, in Diskursen über Gesundheit und Krankheit bis heute beliebt und wirksam geblieben ist.“70 An diesem Punkt hat auch Susan Sontag mit ihrer Polemik gegen die Metaphorisierung von Krankheit angesetzt. Sontag sah die kulturelle Überformung von Krankheit generell als Mittel, den Kranken sozial zu normieren und gesellschaftlich zu ächten.

Die häufig zitierte Gegenüberstellung Goethes zwischen „gesunder Klassik“ und „kranker Romantik“ erwies sich als eine normsetzende Konstante in der Geschichte der Ästhetik, der sich die Ästhetik der Moderne mit einer vorwiegend positiven Bewertung des Pathologischen entgegensetzte. Johann Peter Eckermann hat in seinen „Gesprächen mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens“ mit Datum 2. April 1829 folgendes Diktum Goethes festgehalten: „Das Klassische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke. […] Das meiste Neuere ist nicht romantisch, weil es neu, sondern weil es schwach, kränklich und krank ist, und das Alte ist nicht klassisch weil es alt, sondern weil es stark, frisch, froh und gesund ist. Wenn wir nach solchen Qualitäten Klassisches und Romantisches unterscheiden, so werden wir bald im reinen sein.“71 Die Einstellung des alten Goethe zur Polarität „krank“ – „gesund“ ist allerdings vielschichtiger als die Rezeption dieses berühmt gewordenen Diktums glauben lässt. Eine Äußerung gegenüber Eckermann, die er ein Jahr später (14. März 1830) unter Bezugnahme auf die Kritik der „allerneusten ultraromantischen Richtung“ in der französischen Literatur tat, zeigt dies deutlich: „Ich vergleiche die jetzige literarische Epoche dem Zustande eines heftigen Fiebers, das zwar an sich nicht gut und wünschenswert ist, aber eine bessere Gesundheit als heitere Folge hat.“72 jedenfalls hat diese Gegenüberstellung bis ins 20. Jahrhundert hinein eine enorme Wirkungsmacht entfaltet, wie zwei berühmt gewordene literaturästhetische Kontroversen zeigen, die – wohlgemerkt(!) – nach dem Ende des Zweiten Großen Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geführt wurden. Thomas Anz spricht beide an. Mit einem 1952 in Wien gehaltenen Vortrag hat Georg Lukács – trotz Distanzierung zum nationalsozialistischen Entartungsdiskurs – die Begriffe „gesund“ und „krank“ wiederum als Kategorien ästhetischer Wertung herangezogen. Mit dem ästhetischen Urteil war bei Lukács sehr wohl auch ein Werturteil verbunden, da er „Gesundheit auf der Seite des Fortschritts, Krankheit auf der Seite der Reaktion“73 verortete. Theodor W. Adorno hat in seiner Entgegnung auf Lukács‘ Text „Wider den mißverstandenen Realismus“ (1958) festgehalten: Diese Begriffe „werden mitgeschleppt einzig um ihres demagogischen Appells willen“.74 Eine ähnlich gelagerte Kontroverse fand ca. 10 Jahre später mit dem sog. „Zürcher Literaturstreit“ statt. Die ideologisch völlig anders gelagerten Rollen in dieser Kontroverse zeigen, dass es sich um ein Muster der Metaphorisierung handelt, das über ideologische Festlegungen hinaus wirksam wird. Auch hier bildete den Auslöser eine Rede: Emil Staigers Dankesrede für die Verleihung des Literaturpreises der Stadt Zürich, gehalten am 17. Dezember 1966 in Zürich.75 Die Rede beinhaltet eine Polemik gegen „moderne Literatur“, die sich derselben Dichotomien bedient wie Lukács: Für Staiger „führt der Weg unweigerlich über das Aparte, Preziöse zum Bizarren, Grotesken und weiter zum Verbrecherischen und Kranken, zum Kranken und Verbrecherischen, das nicht als Widerspiel in unserer Einbildungskraft ein wohlgeratenes höheres Dasein evoziert, das vielmehr um seiner eigenen Reize willen gekostet werden soll und meistens auch gekostet wird“.76 Neben anderen kritischen Reaktionen war es v.a. der als offener Brief an Staiger gestaltete Kommentar von Max Frisch in der „Weltwoche“ vom 24. Dezember 1966, der die pointierte Gegenposition der literarischen Moderne formulierte. Frisch verweist darauf, dass die von Staiger verwendete „Gesund-krank-Metaphorik“ den Diskurs über „entartete Literatur“ wieder enttabuisiert – v.a. nachdem Staiger in seiner Rede sogar explizit im Zusammenhang mit „littérature engagée“ von „der Entartung jenes Willens zur Gemeinschaft“ spricht, „der Dichter vergangener Tage beseelte“.77 Frisch fasst sein Urteil über die Rede in satirischer Form zusammen: „Deine Rede, meisterlich in übernommener Sprache wirkte befreiend: Endlich kann man wieder von Entarteter Literatur sprechen.“78

In der literarischen Moderne seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ortet Anz eine neue Intensität der Auseinandersetzung von literarischen Texten mit Krankheit. Als dominierend sieht Anz hierbei einen Krankheitsdiskurs, der als Gegenmodell zum herrschenden gesellschaftlichen Diskurs etabliert wurde. Die literarische „Er-findung“ von Krankheit bezieht sich daher nicht mehr nur auf die empirische Erfahrung oder den medizinisch-wissenschaftlichen Diskurs, sondern v.a. auf einen kulturell-literarischen Diskurs über Krankheit. Sie wird verknüpft mit Motiven der Vernunft- und Wissenschaftskritik, der mystischen Ekstase, der Todeserfahrung bzw.-sehnsucht. In diesem Zusammenhang ist für Anz die literarische Wahrnehmung von Krankheit weniger in Bezug oder im Gegenüber zur empirischen Krankheit zu verstehen, sondern eher als Gegenmodell zum normvermittelnden Gestus gesellschaftlicher Diskurse, die sich den herrschenden Vorstellungen von Normalität unterworfen haben. In diesen Zusammenhang lässt sich auch die literarische Auseinandersetzung Thomas Bernhards mit dem Krankheitsdiskurs stellen. Bernhard positioniert kreative Kunst sowie den kreativen Künstler in der vom herrschenden Diskurs konstruierten Dichotomie zwischen „gesund“ und „krank“ eindeutig auf die Seite des „Kranken“. In seinem Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ charakterisiert er den Prozess der Perfektionierung in der Kunstausübung als „Krankheitsprozess“: „Das Genie / ist eine Krankheit / der ausübende Künstler / eine solche Entwicklung / ist ein Krankheitsprozess / den die Öffentlichkeit / mit der höchsten Aufmerksamkeit verfolgt.“79 Thomas Anz stellt fest, dass im Zuge einer „literarischen Mode“ um 1976/77 eine Vielzahl von literarischen Texten Krankheit als Motiv und Gegenstand neuerlich aufgegriffen hat – und zwar „parallel zu der Verschiebung literaturwissenschaftlicher Interessenschwerpunkte von politisch-sozialen zu existentiellen Themenbereichen. (…) Die Literatur der siebziger Jahre brach nicht völlig mit der vormals primär politisch engagierten, sondern setzte deren normative Anliegen mit anderen Mitteln und Akzenten fort.“80 Im Kontext dieser „literarischen Mode“ setzen Bernhards Texte einen ganz eigenen Akzent.

Hinter den literaturhistorischen Analysen von Thomas Anz wird ein komplexes Modell des Verhältnisses von Literatur und Krankheit sichtbar: Das Verhältnis entfaltet sich in einer Verbindung von literarischen Diskursen mit anderen, in der jeweiligen Kultur gegenwärtigen Diskursformen, die diese einander wechselseitig abstoßen, anziehen, integrieren oder ausdifferenzieren lässt. Die literarische „Er-findung“ von Krankheit misst sich nicht nur an deren empirischer Realität, sie konstituiert auch ein neues Bedeutungsfeld. Sie ist von dominanten Normsetzungen beeinflusst, etabliert aber ebenso dem herrschenden Diskurs entgegengesetzte Normen. Sie bildet ambivalente, die ideologischen Dichotomien unterlaufende Bedeutungs- und Normgeflechte heraus. Eine Beziehungsform, die in der modernen Literatur häufig das komplexe Verhältnis von Krankheit und Literatur versinnlicht, ist die einer (Teil-)Identifikation von KünstlerIn, Ich-ErzählerIn und AutorIn. Einerseits findet darin die in der Literatur des 20. Jahrhunderts stattgefundene „Aufwertung des Kranken“ (Thomas Anz) als Subjekt und Autor seiner „Krankheitsgeschichte“ ihren Niederschlag. Andererseits wird damit der traditionsbildende literarische Topos vom Zusammenhang zwischen Krankheit und künstlerischer Kreativität neu aufgegriffen. „Die Figur des Künstlers und die des Kranken begegnen dem Leser der Gegenwartsliteratur häufig in Personalunion. Zahlreiche literarische Krankengeschichten sind auch als Künstlergeschichten zu lesen.“81 Diese Gestaltungsform hat – in einer sehr eigenwilligen Ausformung – auch Thomas Bernhard in der Darstellung seiner „autobiographischen“ Pentalogie gewählt. Er formuliert den Text in einer spielerischen Beziehungsform der (Nicht)Identifikation zwischen Autoren-Ich, erzählendem Ich und dem seine Krankheit erleidenden, erzählten Ich. Bernhard greift damit das in der fiktiv-autobiographischen Literatur der Moderne häufig anzutreffende Spiel mit dem „autobiographischen Pakt“ auf: In der spielerischen Auflösung der behaupteten Identität von Autoren-, Erzähler- und erzähltem Ich unterscheidet sie sich von der nichtliterarischen Autobiographie, die diese Behauptung aufrechthält.82

Künstlerische Literatur wird – um den Ansatz von Thomas Anz abschließend zu resümieren – „im ironischen Spiel die binären Codes mit ihren Grenzziehungen auflösen“ und immer wieder ein neues, der vielfältig ambivalenten Wirklichkeit angemesseneres literarisches Modell schaffen.

Drittens: „Der Kranke ist der Hellsichtige“. Krankheit als literarische Konstruktion und Literatur als Krankheitserfahrung

Thomas Bernhards Texte vermitteln – wie gesagt – eine für ihn unauflösbare Ambivalenz zwischen einer „äußeren Realität“, die nicht zuletzt über seine Vita vermittelt ist, und der „literarischen Realität“ seiner Texte, die in seiner sog. „Autobiographie“ deutliche Elemente einer Fiktionalisierung aufweisen.83 In diesem dritten Abschnitt soll auf der Grundlage der ausschnittweisen Darstellung des Krankheitsverlaufs in der „autobiographischen“ Pentalogie, wie ich sie im ersten Abschnitt unternommen habe, sowie auf der Grundlage der drei theoretischen Entwürfe zu einer Verhältnisbestimmung von Krankheit und Literatur, wie ich sie im zweiten Abschnitt referierte, die spezifische Gestaltungsform des Verhältnisses von Literatur und Krankheit in der „autobiographischen“ Pentalogie Bernhards näher analysiert werden. Denn die literarische Darstellungsform dieses lebensgeschichtlich bedeutsamen Abschnittes zeichnet sich durch eine exakte Komposition in der erzählerischen Gestaltung ihres Verlaufes aus, ohne sich weit von den biographischen Fakten zu entfernen. Ich greife drei mir wesentlich erscheinende Motive heraus:

Stagnation versus Entwicklung in der „Krankheitsgeschichte“

In Bernhards „Krankheitsgeschichte“ lässt sich – neben anderen Lektüremustern – eine Bewegungsdynamik einlesen, die durch großenteils erzwungene Ortswechsel versinnlicht wird und die durch einen Gegensatz von Stagnation und Entwicklung gekennzeichnet ist. Bernhard entwirft in den beiden Bänden „Der Atem“ und „Die Kälte“ eine exakte Topographie von „Krankenanstaltsorten“, die der real vorhandenen in Salzburg entspricht, jedoch durch ihre Einbindung in die erzählerische Komposition literarisiert ist.84 Den exakten Verlauf dieser krankheitsgeschichtlichen Phasen habe ich im ersten Abschnitt wiedergegeben. Ich fasse diesen Verlauf nochmals abrissartig in 10 Stationen zusammen:

  1. Erkältung während der Arbeit in der Lebensmittelhandlung, Scherzhauserfeldsiedlung: Ende Oktober 1948;85

Erste Phase:

  1. Erster Aufenthalt im Landeskrankenhaus (LKH) Salzburg: Jänner bis März 1949;

  2. Aufenthalt im Erholungsheim Hotel „Vötterl“ in Großgmain: März bis April 1949;

Zweite Phase:

  1. Erster Aufenthalt in der Lungenheilstätte Grafenhof: von Juli 1949 bis Februar 1950.

  2. Zweiter Aufenthalt im Salzburger LKH: Februar 1950;

  3. Ambulante Behandlung bei einem Salzburger Lungenfacharzt;

  4. Dritter Aufenthalt im LKH Salzburg, in der „Lungenbaracke“;

Dritte Phase:

  1. Zweiter Aufenthalt in Grafenhof: von Juli 1950 bis Jänner 1951;

  2. Vorzeitige Beendigung des Aufenthaltes in Grafenhof und Rückkehr nach Hause: 11.1.1951;

  3. Zweite ambulante Behandlung bei einem (anderen) Salzburger Lungenfacharzt.

Die erste Station, die man auch als Vor-Geschichte jener lebensgeschichtlichen Phase Thomas Bernhards bezeichnen könnte, beginnt im Oktober 1948, als Bernhard sich bei der Arbeit in der Lebensmittelhandlung in Lehen erkältet und in der Folge eine „nasse Rippfellentzündung“ zugezogen hat. Diese Rippfellentzündung bedeutet das Ende seiner Zeit als Angestellter im Lebensmittelgeschäft des Podlaha in Lehen und damit auch das Ende jener Lebensphase, wo er seine bisherige Bewegungsrichtung umgedreht hatte und – seinen eigenen Worten gemäß – „in die entgegengesetzte Richtung“ gegangen war. Später, als er in der „Lungenbaracke“ des LKH liegt, sollte er sich mit dieser endgültig abgeschlossenen Lebensphase kritisch auseinandersetzen. Er fragt in dieser Situation, in der er bereits mehrere Stationen seiner Krankengeschichte durchlaufen hat, nach dem Sinn seiner vorherigen Lebensorientierung:

„Was hatte mein Ausbrechen aus dem Gymnasium, was hatten meine Widerstände gegen Familie und Schule und gegen alles, das mit Familie und Schule zusammenhing, genützt, meine Abneigung gegen die normale, blind sich in den Stumpfsinn fügende Gesellschaft? (…) Mein Ausbrechen aus dem Gymnasium, meine Lehrstelle, mein Musikstudium, ich sah diese Zeichen meines Ungehorsams langsam zur Verrücktheit und zum grotesken Größenwahnsinn gesteigert.“86

Betrachtet man die zehn Stationen jener lebensgeschichtlichen Phase, die v.a. durch die Erfahrung seiner Lungenerkrankung geprägt ist, so zeigt sich ein Wiederholungsmuster: Thomas Bernhard erzählt diesen Lebensabschnitt als eine Abfolge von erzwungenen „Anstaltsaufenthalten“: drei Aufenthalte im Landeskrankenhaus, zwei Aufenthalte in Grafenhof und der Aufenthalt im Erholungsheim „Vötterl“, der ähnlich dargestellt ist wie die in Grafenhof. So kann man die Komposition der Bewegungen Bernhards zwischen den Stationen seiner Krankengeschichte als ein sich dreimal wiederholendes Kreisen zwischen verschiedenen „Anstaltsformen“ beschreiben: zwischen dem LKH und der Heilstätte Grafenhof bzw. dem Erholungsheim „Vötterl“. Bernhard betont an einer Stelle den „Anstaltscharakter“ all dieser Orte87 und stellt damit auch eine assoziative Verbindung zu zwei weiteren „Anstalten“ her, die seine Lebensgeschichte geprägt haben: dem Internat in der Salzburger Schrannengasse („Die Ursache“) und dem „Erziehungsheim“88 in Saalfeld/Thüringen („Ein Kind“). Unterbrochen sind diese Kreisbewegungen durch zwei Aufenthalte zu Hause, während derer er in ambulanter Behandlung bei zwei Salzburger Lungenfachärzten ist. Auch diese beiden Aufenthalte werden nicht als befreiende „Entlassung“ aus den Zwängen, Demütigungen und Kränkungen des „Anstaltssystems“ empfunden. Bernhard beschreibt sie vielmehr als weitere Stationen in einem „Höllentrip“: „Wieder war ich in eine Hölle gereist, in umgekehrter Richtung“, stellt er fest, als er im Anschluss an seinen zweiten Aufenthalt im LKH nach Hause entlassen wird.89 Beide Aufenthalte zuhause sind durch Katastrophen markiert: die erste durch eine lebensgefährdende Fehlbehandlung des Arztes, die zweite durch eine wiederum lebensbedrohliche Krisensituation während der Behandlung, hervorgerufen – wie Bernhard meint – durch eine Nachlässigkeit seiner selbst. Dieses in Wiederholungen stattfindende Kreisen suggeriert eine Bewegung, die letztlich nichts anderes bedeutet als Stagnation. Dennoch konterkariert Bernhard dieses Stilmittel, indem er zum einen die verschiedenen Stationen seiner Krankheit immer wieder als Chancen für einen persönlichen und künstlerischen Reifungsprozess begreift. Zum andern werden die letzten beiden Stationen als Unterbrechung der Kreisbewegung, als Ausbruch aus der von der Kreisbewegung suggerierten Stagnation dargestellt. Thomas Bernhard bricht den dritten Aufenthalt in einem Heim (den zweiten in Grafenhof) ab. Er verlässt die Lungenheilstätte „vorzeitig, auf eigene Gefahr“90.Am deutlichsten wird dieses Motiv des Ausbrechens aus der Stagnation in der Schlusspassage von „Die Kälte“: Nachdem – wie er meinte – aufgrund seiner eigenen „Gleichgültigkeit“ sein Pneumoperitoneum „ruiniert“ war, war er „von einem Augenblick auf den andern wieder soweit, nach Grafenhof fahren zu müssen.“ Mit dem letzten Satz der Erzählung setzt Bernhard nun jedoch einen Schlusspunkt unter diese Phase seiner „Krankheitsgeschichte“ und unterbricht die Kreisbewegung, das Gefangensein in den „Anstalten“: „Aber ich weigerte mich und fuhr nicht mehr hin.“91

Endogen versus exogen: Ursache und Überwindung von Krankheit

Auch in einem anderen Bereich als in der Topographie der Erzählung arbeitet Thomas Bernhard mit dem Stilmittel einer hin und her pendelnden Kreisbewegung, die ein Gefangensein in der Krankheit suggeriert. Neben einer detailgenauen und medizinisch exakten Schilderung der Krankheit und der angewendeten Behandlungsmethoden92 reflektiert das erzählende Ich wiederholt über die (möglichen) Ursachen seiner Krankheit und über die Faktoren, die sie zu einem lebensbedrohenden Ausmaß anwachsen ließen. Dabei stellt es die einander entgegengesetzten Pole einer exogenen und einer endogenen Krankheitsätiologie unvermittelt gegenüber, ohne die eine durch die andere widerlegen zu lassen. Beide Ursachenerklärungen bleiben unvermittelt nebeneinander stehen. Einerseits macht das Ich in Bernhards Erzählung die Außenwelt (v.a. die Ärzte und das Anstaltssystem als Ganzes) für das Bedrohliche seines Zustandes verantwortlich. Ein Beispiel dafür: Das erzählte Ich (der junge Bernhard zur Zeit seiner Erkrankung) sieht einen wesentlichen Grund für seine „offene Lungentuberkulose“ in seinem Aufenthalt im Hotel „Vötterl“ und macht das damalige Krankenanstaltensystem dafür verantwortlich. Die Überweisung vom Landeskrankenhaus in das „Erholungsheim“ in Großgmain habe erst zu seiner Erkrankung an „offener Lungentuberkulose“ geführt, meint der junge Bernhard in „Der Atem“. Nach seinen Vorstellungen sei er durch den Kontakt mit „wirklichen Lungenkranken“ erst angesteckt worden.93 Mehrere InterpretInnen haben dieser Ätiologie widersprochen und sie als „individuelles Phantasma“ Bernhards (Hélène Francoual) abgetan. Monika Kohlhaase konstatiert eine „vorwiegend tuberkulöse Genese“ der „nassen Lungenfellentzündung“ und bezeichnet eine Ansteckungsgefahr durch MitpatientInnen im Erholungsheim als äußerst unwahrscheinlich. Sie verortet die Ursachen in Bernhards Lebensumständen vor seiner Erkrankung. Eine m.E. notwendige Differenzierung, die bei der Beurteilung der im Text dargestellten Krankheitsätiologie oft übergangen wird, ist, dass man auch und gerade in den „autobiographischen“ Erzählungen Thomas Bernhards niemals den Autor mit dem in der Erzählung dargestellten Ich in eins setzen kann. Immer wieder setzt Bernhard deutliche Signale einer Distanz zu dem heranwachsenden Ich, von dem er erzählt. Die geschilderten „Phantasmen“ über die Ursachen seiner Erkrankung sind deshalb immer auch als Ausdruck einer bestimmten, in der Vergangenheit des Erzählers angesiedelten Lebenssituation zu interpretieren und nicht als Wertung des Autors zum Zeitpunkt des Verfassens seiner „autobiographischen“ Texte. Zum andern stellt Bernhard mit dem Stilmittel der unvermittelten Entgegensetzung diese exogene Ursachendiagnose seiner Erkrankung immer wieder in Frage und ironisiert sie zu einem bestimmten Teil. Denn mehrere Male macht er andererseitssich selber für seine Erkrankung und für die Katastrophen im Verlaufe seiner „Krankheitsgeschichte“ verantwortlich. Ein Beispiel, das sich auf den Beginn seiner Erkrankung bezieht: Bernhard erzählt in „Der Keller“ von einer schweren Grippe, die auf jene Erkältung folgte, die er sich bei der Arbeit in der Scherzhauserfeldsiedlung zugezogen hatte. Bernhard war zu früh wieder aufgestanden und an die Arbeit gegangen, obwohl er immer noch Fieber hatte. Er qualifiziert an dieser Stelle seine Handlungsweise als „eklatante Dummheit“. Er betrachtet sie als die eigentliche Ursache dafür, dass er „über vier Jahre lang an Krankenhäuser und Heilanstalten gefesselt“ war und mehrmals „zwischen Leben und Tod“ schwebte.94

Eine enge Verknüpfung zwischen exogener und endogener Ätiologie für seine Krankheit stellt Bernhard her, wenn er einen unmittelbaren Zusammenhang sieht zwischen der Einlieferung seines Großvaters ins LKH und dem Ausbruch seiner Rippenfellentzündung. Hier verbindet sich der äußere Anlass (die Erkrankung seines Großvaters) mit einer inneren Disposition, die durch den äußeren Anlass manifest wird: Er stellt fest, „daß diese von mir unterdrückte und ignorierte Krankheit naturgemäß gerade wieder zu dem Zeitpunkt ausgebrochen ist, ausbrechen hatte müssen, der mit dem Auftreten der Krankheit meines Großvaters zusammenfiel.“95 – „Es ist, denke ich, durchaus möglich, daß ich selbst nicht mehr erkrankt wäre, hätte nicht mein Großvater das Krankenhaus aufsuchen müssen.“96 Das Hin und Her zwischen exogenen und endogenen Ursachenerklärungen für seine Erkrankung verunsichert zum einen deren Eindeutigkeit, nimmt auf der andern Seite aber auch die Kreisbewegung der Erzähltopographie wieder auf und führt die Reflexionsbewegungen des erzählten Ich zu ihrem Ende – d.h. zum Ausbruch aus dem Gefangensein in der Krankheit.

„Der Denkbezirk“ – notwendig für eine künstlerische Existenz

„Der Kranke ist der „Hellsichtige“, das Krankenhaus ein „existenznotwendiger Denkbezirk“. Zu dieser Betrachtung der Krankheitserfahrung führt der Selbstbestimmungs- und Bewusstwerdungsprozess des jugendlichen Protagonisten, den Thomas Bernhard in „Der Atem“ und „Die Kälte“ literarisch gestaltet. Im Anschluss an diese Feststellung folgt im Monolog des Johannes Freumbichler eine detaillierte Reflexion über „Künstlichkeit“ oder „Natürlichkeit“ einer solchen, für ihn existentiell notwendigen Situation: „Dieses Krankenhaus, so mein Großvater, kann ein künstlich geschaffenes Krankenhaus sein, und die Krankheit oder die Krankheiten (…) können durchaus künstliche Krankheiten sein, aber sie müssen da sein oder müssen erzeugt (…) werden.“97 Entscheidend ist für Bernhard, dass sie stattfinden. Ob sie „künstlich“ oder natürlich“ sind, ist für ihn zweitrangig. Offen bleibt in dieser Gegenüberstellung auch, ob er mit dem Adjektiv „künstlich“ auf eine literarische „Er-findung“ oder eine psychische Verursachung von Krankheit Bezug nehmen will. Bernhard stellt in der weiteren Folge des referierten Monologs von Freumbichler den von ihm konstruierten Gegensatz zwischen „künstlich“ und „natürlich“ wiederum in Frage und bezeichnet ihn als mögliches Produkt einer illusionären Wahrnehmung: „Aber, so weiter, wir wissen nicht, ob wir tatsächlich auf die natürliche Weise in das Krankenhaus hereingekommen sind oder nicht. Es kann sein, daß wir nur glauben, auf die natürliche, ja auf die natürlichste Weise hereingekommen zu sein, während wir doch nur auf die künstliche, möglicherweise auf die künstlichste Weise hereingekommen sind.“98 Einerseits unterläuft er mit dieser Relativierung die Polarität von „künstlich“ und „natürlich“ – indem er zum einen die Möglichkeit einer rein „natürlichen“ Krankheitserfahrung generell infrage stellt und indem er zum andern wiederum behauptet, dass „erfundene Krankheiten (…) die Wirkung von tatsächlichen Krankheiten haben.“99 Dieses Verfahren einer fortlaufenden Infragestellung der von ihm selbst im Text positionierten Polaritäten ist für Bernhards Texte typisch. Er wendet es nicht nur in Bezug auf das Krankheitsmotiv an. Beispielsweise verwendet er in seiner Pentalogie den in der biographischen Literatur gängigen Topos der Wahrheitsbehauptung, der die Gattung der (literarischen) Autobiographie kennzeichnen und sie der Form einer rein fiktionalen Erzählliteratur entgegensetzen sollte. Gleichzeitig relativiert er diese Wahrheitsbehauptung im selben Text und hebt sie damit wieder auf.100 Schließlich gelangt Bernhard zu einem Ort jenseits dieser Dichotomie wie auch jenseits von deren Infragestellung. Er bezeichnet die Entgegensetzung von „natürlich“ und „künstlich“ letztlich als „gleichgültig“. Für ihn zähle nur die Erfahrung von Krankheit an sich, die zum „Berechtigungsausweis für den Denkbezirk“ werde. Denn nur in diesem „Denkbezirk“ sei es möglich, zu dem zu gelangen, was die künstlerische Existenz in ihrem Wesen ausmache: „das Selbstbewußtsein und das Bewußtsein alles dessen, was ist“101. In diesem von Bernhard gestalteten Monolog postuliert Freumbichler Krankheit, also den Aufenthalt in diesem „Denkbezirk“, geradezu als Voraussetzung „authentischer“ künstlerischer Existenz: „Der Künstler, insbesondere der Schriftsteller, der nicht von Zeit zu Zeit ein Krankenhaus aufsuche, also einen solchen lebensentscheidenden existenznotwendigen Denkbezirk aufsuche, verliere sich mit der Zeit in der Wertlosigkeit, weil er sich in der Oberflächlichkeit verheddere.“102

Autor: Josef P. Mautner

Veröffentlicht in: Roland Berbig / Richard Faber / H. Christof Müller-Busch (Hg.): Krankheit, Sterben und Tod im Leben und Schreiben europäischer Schriftsteller. Band 2: Das 20. und 21. Jahrhundert. Würzburg 2017, 195-221.

1 Vgl.: ThomasBernhard: Der Atem. Eine Entscheidung. In: Thomas Bernhard: Die Autobiographie, hg. von Martin Huber u. Manfred Mittermayer. Werke, Bd. 10. Frankfurt/Main 2004, 250. Ich zitiere aus den „autobiographischen“ Werken nach dieser Ausgabe im Weiteren nur unter Nennung des Titels, z.B.: Der Keller.

2 Paola Bozzi stellt in ihrer wichtigen Monographie zur Lyrik Thomas Bernhards einen Zusammenhang zwischen Pascals „Gebet an Gott um den heilsamen Gebrauch der Krankheiten“ und der frühen Gedichtsammlung Bernhards „In hora mortis“ her: Paola Bozzi: Ästhetik des Leidens. Frankfurt/Main 1997.

3 Ein Aufsatz von Hartmut Zelinsky beschäftigt sich mit der Dekonstruktion der literarischen Tradition der Romantik, Krankheit im allgemeinen und die Lungenkrankheit im Besonderen metaphorisch zu überhöhen: Hartmut Zelinsky: Thomas Bernhards ‚Amras‘ und Novalis. In: Anneliese Botond (Hg.): Über Thomas Bernhard. Frankfurt/Main 1970, 24-33.

4 Diese Erzählung steht – ebenso wie die beiden Bände der „autobiographischen“ Pentalogie „Der Atem“ und „Die Kälte“ – an einer Schnittstelle zwischen biographischer Krankheitserfahrung und literarischer Krankheitsgestaltung.

5Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biografie. Wien – Salzburg 2015, 305.

6 „Ich habe ihn in den letzten zehn Jahren ((als Arzt, Anm.d.Verf.)) betreut. Er hat darauf bestanden.“ – „Da ((nach dem Tod von Hedwig Stavianicek im April 1984, Anm.d.Verf.)) war ich ihm der Nächste geworden, weil ich von früh an immer der ‚kleine Liebe‘ war, den er bewußt an sich herangezogen hat.“ So Peter Fabjan in einem Interview mit Marek Kedzierski (Peter Fabjan: Jeder Tag war inszeniert. Krankheit, Einsamkeit, Literatur – Erinnerungen an Thomas Bernhard, 88. 89. In: Lettre International, Nr. 92, Frühjahr 2011, 86-91)

7 die eine Arbeit über das Phänomen der Krankheit im Werk Thomas Bernhards vorgelegt hat: Monika Kohlhaase: Das Phänomen der Krankheit im Werk von Thomas Bernhard. Herzogenrath 1987.

8 Ebda., 19.

9 Bei der Pentalogie handelt es sich um die autobiographisch geprägten Prosawerke „Die Ursache. Eine Andeutung“ (erschienen 1975), „Der Keller. Eine Entziehung“ (1976), „Der Atem. Eine Entscheidung“ (1978), „Die Kälte. Eine Isolation“ (1981) und „Ein Kind“ (1982).

10 Näheres dazu im 3. Abschnitt, der sich mit der literarischen Verarbeitung von Bernhards Krankheitserfahrungen in der autobiographisch ausgerichteten Pentalogie befasst.

11Louis Huguet hat in seiner akribisch recherchierten „Chronologie“ des Lebens von Johannes Freumbichler und Thomas Bernhard auf mehrere solcher fiktionalisierenden „Abweichungen“ gegenüber der realen Vita hingewiesen: Louis Huguet: Chronologie. Johannes Freumbichler – Thomas Bernhard. Wien – Linz – Weitra o.J.

12Der Atem, 219.

13Siehe: Der Keller, 200 f.

14 Ebda., 201.

15Der Atem, 217. In der Wahrnehmung des jungen Bernhard geschah dies plötzlich und überraschend.

16 Ebda., 217/218.

17Nach einer Besserung seines Gesundheitszustandes hatte Bernhard im LKH wieder Kontakt zu seinem Großvater. In einer längeren Passage von „Der Atem“ schildert er ein entscheidendes Gespräch, in dem Johannes Freumbichler ihm seine Ansichten über die existentielle Bedeutung von Krankheit darlegt. Darauf werde ich noch zurückkommen. Vom Tod seines Großvaters am 11.2.1949 erfährt Bernhard erst aus der Zeitung. Zur Bedeutung des Todes von Johannes Freumbichler für Bernhard in dieser Lebensphase siehe: Mittermayer, Thomas Bernhard, a.a.O., 72f.

18 Der Atem, 219.

19 Ebda., 219 ff.

20Ebda., 310.

21 Dies die Angabe von Louis Huguet in seiner „Chronologie“ (Huguet, Chronologie, a.a.O., 267 und 270). Bernhard selber spricht von einem Zeitraum von neun Monaten (in: Die Kälte, 58).

22 Die Kälte, 322.

23Ebda., 314.

24Ebda.,365.

25 Ebda., 365 f.

26Kohlhaase,Das Phänomen der Krankheit, a.a.O., 39.

27 Die Kälte, 370.

28 Ebda., 372.

29 Ebda., 377.

30Huguet, Chronologie, a.a.O., 274. Zur Freundschaft mit Alfred Brändle vgl. auch: Mittermayer, Thomas Bernhard, a.a.O., 80ff.

31 Rudolf Brändle erzählt von dieser ersten Begegnung in: Krista Fleischmann: Thomas Bernhard. Eine Erinnerung. Interviews zur Person. Wien 1992, 42.

32 Zu der in „Die Kälte“ geschilderten Episode um die fehlerhafte Wiedergabe des Namens seiner Mutter in der Zeitung („Pavian“ statt „Fabjan“): Bernhard hat den tatsächlichen Druckfehler mit „Pabjan“ in „Pavian“ umgewandelt, um ihn zum Ausgangspunkt einer grotesken Geschichte zu machen. Siehe: Mittermayer, Thomas Bernhard, a.a.O., 83.

33Die Kälte, 393.

34 Ebda., 403.

35Kohlhaase, Das Phänomen der Krankheit, a.a.O., 40/41.

36 Die Kälte, 98.

37 Susan Sontag: Krankheit als Metapher (Illness As Metaphor, 1977). Frankfurt/Main 1981.

38 Veröffentlicht in den drei Bänden seiner „Studien zur psychosomatischen Medizin“; siehe Fußnote 66.

39 Thomas Anz: Gesund oder krank? Medizin, Moral und Ästhetik in der deutschen Gegenwartsliteratur. Stuttgart 1989. Anz befasst sich explizit in einem Abschnitt eines Kapitels („Die Aufwertung des Kranken“) mit Thomas Bernhard.

40 In der Beschäftigung mit den drei genannten theoretischen Ansätzen wird sich zeigen, dass diese Polarität nicht ausreicht und selbst vereinfachende Wahrnehmungsmodelle mehr als zwei Wahrnehmungsebenen in den Blick nehmen.

41 Susan Sontag bezieht sich in ihrem Essay „Krankheit als Metapher“ vorwiegend auf Krebs und TBC, hat sich aber zehn Jahre später (1988) in einem weiteren Essay, den sie als weiterführende Relektüre ihres ersten Essays bezeichnet, auch mit Aids als der aktuellen Krankheitsform befasst, die wiederum zum Zentrum metaphorisierender Verzerrungen geworden ist; beide Essays sind inzwischen in einer deutschen Buchausgabe zusammengefasst: Susan Sontag. Krankheit als Metapher & Aids und seine Metaphern. München 2003. Ich zitiere den Essay „Krankheit als Metapher“ nach der Ausgabe Frankfurt/Main 1981.

42Die Kälte, 324.

43Thomas Bernhard: Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft. In: Erzählungen III, hg. von Hans Höller u. Manfred Mittermayer. Werke, Bd. 13. Frankfurt/Main 2008, 252.

44 Sontag, Krankheit als Metapher, a.a.O., 5.

45 Ebda., 5.

46Ebda., 5. Olaf Briese hat in seinem Aufsatz zu Sontags Essays („Krankheit ohne Metapher“) auf die Unmittelbarkeit des Erlebens als Grundmotiv aller Arbeiten von Susan Sontag hingewiesen. Dieser Kernpunkt ihrer Ästhetik „erweist sich“ für ihn „auch als Schlüssel zum Verständnis ihrer bedeutenden und wirkmächtigen Arbeiten zum Thema Krankheit.“ (Olaf Briese: Krankheit ohne Metapher. Susan Sontags optimistische Unmittelbarkeit, 155. In: Jan Engelmann / Richard Faber / Christine Holste (Hg.): Leidenschaft der Vernunft. Die öffentliche Intellektuelle Susan Sontag. Würzburg 2010, 155-170)

47Dass die gesamte Argumentationslinie Sontags eine Reihe von Brüchen und inneren Widersprüchlichkeiten aufweist, wurde bereits mehrfach herausgearbeitet, soll aber hier nicht Gegenstand meiner Überlegungen sein.Zu einer eingehenden Kritik an Sontags Metaphorisierungskritik verweise ich auf die Dissertation von Andrea Kottow: Der kranke Mann. Zu den Dichotomien Krankheit/Gesundheit und Weiblichkeit/Männlichkeit in Texten um 1900. http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000001426 (zuletzt abgerufen: Jan. 2016) sowie v.a. den Artikel von Thomas Anz: „Krebs und andere Krankheiten als Metapher“ auf literaturkritik.de: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7945 (zuletzt abgerufen: Jan. 2016).

48 Zum autobiographischen Hintergrund: Sontag war Mitte der siebziger Jahre an Krebs erkrankt; im Jahr 2004 starb sie an ihrer zweiten Krebserkrankung. Ihr Vater starb an TB, als sie fünf Jahre alt war.

49Vgl. Susan Sontag: Worauf es ankommt. Essays. München – Wien 2005, 384.

50 Richard Faber hat in seiner Monographie über Susan Sontag auf den Zusammenhang ihres Engagements als „moralische“ Intellektuelle mit ihrem Auftreten gegen negative Metaphorisierungen von Krankheit und die damit verbundenen „potentiellen Identitätsschädigungen“ aufgrund solcher als „böse“ charakterisierter Erkrankungen hingewiesen. Siehe: Richard Faber: Avancierte Intellektuelle und politische Moralistin. Die universelle Intellektuelle Susan Sontag. Würzburg 2006, 76.

51 Die Kälte, 313.

52Ebda., 322.

53 In einer anderen Passage von „Die Kälte“ vergleicht Bernhard Grafenhof auch mit den bekannten Strafanstalten Stein, Suben und Garsten: Ebda., 330.

54 Sontag, Krankheit als Metapher, a.a.O., 47.

55 Ebda., 35.

56 Bereits in der Erzählung „Amras“ hat sich Bernhard gegen die romantische Tradition einer Literarisierung von Krankheit (in diesem Fall gegen das Krankheitsbild von Novalis in den „Lehrlingen von Sais“) gewandt und ihr seine eigene, schonungslos negative, Tod und sinnloses Leiden in den Vordergrund stellende Literarisierung entgegengestellt. Siehe: Hartmut Zelinsky: Thomas Bernhards ‚Amras‘ und Novalis, a.a.O.

57 Alexander Mitscherlich: Krankheit als Konflikt. Studien zur psychosomatischen Medizin I. Frankfurt/Main 1969. Ders.: Krankheit als Konflikt. Studien zur psychosomatischen Medizin II. Frankfurt/Main 1967. Ders.: Freiheit und Unfreiheit in der Krankheit. Studien zur psychosomatischen Medizin III. Frankfurt/Main 1977.

58 So in seiner 1941 abgeschlossenen Dissertation „Zur Wesensbestimmung der synästhetischen Wahrnehmung“. Die Dissertation wurde nie veröffentlicht. Eine Darstellung der wesentlichen Aussagen findet sich bei: Tobias Freimüller: Alexander Mitscherlich. Gesellschaftsdiagnosen und Psychoanalyse nach Hitler. Göttingen 2007, 153 ff.

59 Auch dieser Gedanke findet sich bereits in den frühen Schriften: „Wo Freiheit sich selbst aufgab, im Verfehlen ihrer Möglichkeit, erscheint dann Unfreiheit, welche aus dem Objektbereich der Körpervorgänge herzurühren scheint.“ (Alexander Mitscherlich: MS Zur Wesensbestimmung der synästhetischen Wahrnehmung. AMA VII 45/1, 45 f.; zitiert nach: Martin Dehli: Leben als Konflikt. Zur Biographie Alexander Mitscherlichs. Göttingen 2007, 117)

60 Die Kälte, 384.

61 Siehe: Freimüller, Alexander Mitscherlich, a.a.O., 174.

62 Mitscherlich, Krankheit als Konflikt I, a.a.O., 9.

63 Mitscherlich, Freiheit und Unfreiheit in der Krankheit, a.a.O., 95.

64 Die Kälte, 377.

65 Ebda., 379.

66Dieter Beck: Krankheit als Selbstheilung. Frankfurt/Main, 143-146; ein Hinweis auf Becks Buch findet sich in: Mittermayer, Thomas Bernhard, a.a.O., 306.

67 Monika Kohlhaase betrachtet dieses zentrale Motiv der „Autobiographie“ als Element literarischer „Stilisierung“: Kohlhaase, Das Phänomen der Krankheit, a.a.O., 61. Verknüpft man es jedoch mit den Erkenntnissen einer psychosomatischen Medizin, wie sie Alexander Mitscherlich vorgelegt hat, erscheint es wesentlich mit der Krankheitserfahrung Bernhards und nicht bloß mit dem Stilwillen des Autors verbunden.

68 Der Atem, 249.

69Anz, Gesund oder krank?, a.a.O. (siehe Fn. 35)

70 Ebda., 4.

71 Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Siehe: http://gutenberg.spiegel.de/buch/-1912/120 (zuletzt aufgerufen: 2.2.2016). Der junge Goethe hatte, wie Anz an anderer Stelle ausführt, im Gegensatz zu dieser später vorgenommenen Polarisierung in der literarischen „Krankheitsgeschichte“ des Werther eine durchaus differenzierte, fortschrittliche Position eingenommen. Er hatte sich in den „Leiden des jungen Werther“ explizit der seinerzeit noch gängigen moralischen Verurteilung eines psychisch erkrankten „Selbstmörders“ entgegengestellt, indem er die „innerpsychische“ Ursachenkette, die zum Suizid führte, zum Gegenstand literarischer Darstellung machte. Siehe: Anz, Gesund oder krank?, a.a.O., 10f.

72Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Siehe: http://gutenberg.spiegel.de/buch/-1912/302 (zuletzt abgerufen: 2.2. 2016).

73 Siehe: Georg Lukàcs: Gesunde oder kranke Kunst? In: Georg Lukács zum siebzigsten Geburtstag. Berlin (Ost) 1955, 243-252. Und: Ders.: Wider den mißverstandenen Realismus. Hamburg 1958.

74 Theodor W. Adorno: Erpreßte Versöhnung. Zu Georg Lukács‘ ‚Wider den mißverstandenen Realismus‘, 257. In: Ders.: Noten zur Literatur. Frankfurt/Main 1974, 251-280.

75 abgedruckt unter dem Titel „Literatur und Öffentlichkeit“ in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 20. 12. 1966 (Morgenausgabe), Blatt 5.Die Rede ist online im Abdruck der NZZ. abrufbar: http://static.nzz.ch/download/pdf/Emil_Staiger_Rede.pdf (zuletzt abgerufen: Jan. 2016).

76 Ebda.

77 Ebda.

78 Max Frisch: Endlich darf man es wieder sagen. Zur Rede von Emil Staiger anläßlich der Verleihung des Literaturpreises der Stadt Zürich am 17.12.1966. In: Weltwoche, 24. Dezember 1966.

79Thomas Bernhard: Der Ignorant und der Wahnsinnige. In: Thomas Bernhard: Dramen I, hg. von Manfred Mittermayer u. Jean-Marie Winkler.Werke, Bd. 15. Frankfurt/Main 2004,275.

80Anz, Gesund oder krank?, a.a.O., 67.

81 Ebda., 186.

82Zum Begriff des „autobiographischen Paktes“ vgl.: Philippe Lejeune: Der autobiographische Pakt. Frankfurt/Main 1994.

83Zur „Ästhetik der autobiographischen Inszenierung“ bei Bernhard vgl. auch: Josef Mautner: „Kerker gegen den Geist“. Ein schwarz-braunes Syndrom in Thomas Bernhards autobiographischen Texten. In: Richard Faber (Hg.): Totale Institutionen? Kadettenanstalten, Klosterschulen und Landerziehungsheime in Schöner Literatur. Würzburg 2013, 163-181.

84Vgl. dazu: Walter Haug: Die Wahrheit der Fiktion. Tübingen 2003, 133.

85 Vgl.: Der Keller, 200 f.

86Die Kälte, 377.

87 Wie bereits erwähntvergleicht Bernhardin einer Passage von „Die Kälte“ Grafenhof mit den bekannten Strafanstalten Stein, Suben und Garsten: Ebda., 330.

88 „In Wirklichkeit handelt es sich um ein Heim für schwer erziehbare Kinder“, stellt Louis Huguet in seiner „Chronologie“ fest (Huguet, Chronologie, a.a.O., 223). Vgl.: Ein Kind, 486-498.

89 Bernhard, Die Kälte, 364. Zur Bedeutung des Wortes „Hölle“ und seines metaphorischen Umfelds siehe: Josef Mautner: ‚Die Zeit macht aus ihren Zeugen immer Vergessende‘. Katholizismus und Nationalsozialismus im Werk von Thomas Bernhard (1931-1989). In: Thomas Pittrof – Walter Schmitz (Hg.): ‚Freie Anerkennung übergeschichtlicher Bindungen‘. Katholische Geschichtswahrnehmung im deutschsprachigen Raum des 20. Jahrhunderts. Beiträge des Dresdner Kolloquiums vom 10. bis 23. Mai 2007. Freiburg /Breisgau – Berlin – Wien 2010, 433-464.

90 Die Kälte, 401.

91 Ebda., 403.

92 Hélène Francoual bezeichnet ihn wegen der „anschaulichen Exaktheit“ seiner Schilderungen als „clinicien des lettres“. (Hélène Francoual: Das Imaginäre des Übels oder die Bernhardsche ‚Anthropologie‘ der Krankheit, 235 (FN. 1). In: Martin Huber / Manfred Mittermayer / Wendelin Schmidt-Dengler (Hg.): Thomas Bernhard Jahrbuch 2003. Wien – Köln – Weimar 2003, 235-251.

93 Siehe: Der Atem, 296 f.

94 Der Keller, 200 f.

95 Der Atem, 230.

96 Ebda., 230 f.

97Ebda., 250.

98Ebda., 250.

99Ebda., 251.

100 Zur spielerisch- ironischen Relativierung der Wahrheitsbehauptung in der „autobiographischen“ Pentalogie: Mautner, „Kerker gegen den Geist“, a.a.O.

101 Der Atem, 251.

102 Ebda., 250.

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