Unbehaust. Fünf Tage im Februar.

zwischenwelt201710„Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nichts, da er sein Haupt hin lege.“
(Matthäusevangelium 8, 20)

Eins.
Wir befinden uns am 42. Breitengrad, ungefähr auf der Höhe von Barcelona. Aber es ist bitter kalt. Der Kleinbus rumpelt über eine gefrorene Masse von Matsch und Schnee, die die Straßen von Plovdiv bedeckt. Manches wirkt bekannt, vieles fremd. Ich bin nicht zum ersten Mal hier. Erinnerungen werden wach. Die Plattform für Menschenrechte Salzburg arbeitet mit der Roma-Stiftung Stolipinovo seit fast drei Jahren in einer Partnerschaft zusammen. Wir entwickeln gemeinsam Projekte für Empowerment und Antirassismusarbeit hier vor Ort. Asen Karagyosov, der Leiter des Jugendclubs der Stiftung hat uns im Hotel abgeholt und bringt uns nach ‚Stolipinovo‘: Es ist eines der größten Stadtviertel in Südosteuropa, das ausschließlich von Roma bewohnt wird. Sein Name steht für die Situation einer großen ethnischen Minderheit Europas: betroffen von Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, von Diskriminierung und Rassismus. Viele Städte in Bulgarien haben mehrere Viertel, die ausschließlich von Angehörigen der ethnischen Minderheit der Roma besiedelt sind. In Plovdiv sind es vier, und Stolipinovo ist eines von ihnen. Dort leben geschätzte 55.000 EinwohnerInnen. Eine genaue Zahl lässt sich nicht ermitteln, weil die meisten von ihnen durch das offizielle Meldesystem nicht erfasst sind. Die soziale Situation der BewohnerInnen von Stolipinovo ist katastrophal: Sie leiden unter absoluter Armut, Mangelernährung und einer schlechten Gesundheitssituation. Die Verbreitung von Aids und TBC schreitet voran. Ca. 95 Prozent von ihnen sind arbeitslos. Der Zugang zu schulischer und beruflicher Bildung ist segregiert: Die Schulen im Viertel werden nur von Roma besucht. Die Kindergärten haben getrennte Gruppen. Den Kindern aus der bulgarischen Mehrheitsbevölkerung wird nicht zugemutet, mit Romakindern in einer Gruppe zu sein. Ghettoisierung und massive Diskriminierung schreiten voran aufgrund des wachsenden antiziganistischen Rassismus in der bulgarischen Gesellschaft.

Die Bezirksstadt Plovdiv – mit knapp 377.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Bulgariens – wird in zwei Jahren europäische Kulturhauptstadt sein. Eindrucksvolle antike Ruinen, eine schöne Altstadt, die ein wenig an Salzburg erinnert, viele orthodoxe Kirchen, eine architektonisch bemerkenswerte Moschee: Alles, was wir bei einem kurzen Spaziergang gesehen haben, entspricht dem Bild eines kulturellen Zentrums im südlichen Osten Europas. Von einem der drei Hügel, auf denen das antike „Trimontium“ erbaut war, sieht man auf die Reste des antiken Marmortheaters hinunter, das unter Kaiser Trajan zu Beginn des 2. Jahrhunderts nach Christus gebaut worden war. Nun wird es mit Konzerten und Theateraufführungen bespielt, wie ich in diversen Stadtführern gelesen habe. Nun, da wir von einem der Hügel auf das Theater hinunterblicken, ist es leer und mit Schnee bedeckt. Im Zentrum der Stadt begegnet man bereits den Werbebannern für die Kulturhauptstadt: „plodov together 2019“. Auf der Website der „Foundation Plovdiv 2019“ wird das Motto erläutert: „Plovdiv Together is a vision for successful and productive integration of past and present as well as development of awareness and engagement in the society.” Die Bewerbung für die Kulturhauptstadt beinhaltete vor allem ein ehrgeiziges Kulturprogramm. Geplant ist eine Kunstinsel inmitten des Maritsa-Flusses. Auch die alten Tabaklager der Stadt sollen in einen Kulturraum verwandelt werden und der Stadtteil Kapana in ein Viertel der Kunst, in dem sich schöpferische Industrien entwickeln und präsentieren. Für 2019 plant die Stadtpolitik eine Vielzahl von Konzerten. Plovdiv wird Gastgeber einer Biennale sein und eine Reihe von internationalen Foren wie eine Sommerkunstschule sowie Tanzprojekte ausrichten. Darüber hinaus enthielt das Bewerbungskonzept auch Entwicklungsprogramme für die Minderheit der Roma. Ganz gemäß den „Grundwerten“, die die „Foundation“ für sich beansprucht: Man möchte wechselseitige Toleranz erreichen, indem man zwischenmenschliche und interkulturelle Schranken nicht nur überwindet, nein: gar „auslöscht“. Ein starkes Statement für ein wesentliches Ziel, zusammen mit dem öffentlich formulierten Bekenntnis zur Notwendigkeit von Bildung, um Stereotype gegenüber Anderen zu überwinden.

Nach einer kurzen Fahrt Richtung Norden kommen wir an die Grenze von Stolipinovo. Eine Hauptstraße trennt es vom benachbarten bulgarischen Wohnviertel. Sobald wir ins Viertel einbiegen, werden die Straßen schlagartig schlechter. Der gefrorene Matsch hat die Straße zu einer Berg- und Talbahn werden lassen. Sie ist voll tiefer Löcher. Unter dem Eis Erde und Schotter, kaum noch Asphalt. Aus der dichten Menge an Hütten und Häusern in katastrophalem Zustand ragen ruinenartige Plattenbauten hervor. Dazwischen Müllhalden am Rande der Straßen, in denen Menschen und Tiere nach Verwertbarem suchen. Das Wetter ist kalt. Minus 6 Grad. Normalerweise wimmelt es in den engen Straßen zwischen den Hütten von Menschen. 55.000 BewohnerInnen auf einer Fläche von ca. 3 mal 2 Quadratkilometern. Doch jetzt sind die Straßen fast leer. Es ist zu kalt. Die wenigen, die unterwegs sind, sind leicht gekleidet. Es qualmt aus provisorischen Röhren und riecht nach verbranntem nassem Holz. Alles, was brennt, wird zum Heizen genutzt. Der Kleinbus hält vor einem Gittertor. Dahinter ein Hof mit einem Containerbau: ROMA Foundation. Wir werden – wie immer – herzlich in Empfang genommen und kommen ins Gespräch. Die Vertreter der Roma-Stiftung in Stolipinovo merken von einer Realisierung jener „Core Values“, von denen ich auf der Website der „Foundation Plovdiv 2019“ gelesen hatte, wenig. Als wir in Stolipinovo angekommen sind, fragen wir nach jenen Projekten, die die Situation der Roma-Bevölkerung verbessern und bis 2019 entwickelt werden sollen. Die Roma-Vertreter selber waren weder in die Planung und Konzeption eingebunden, noch wissen sie etwas von ersten Umsetzungsschritten. Ein kleines Projekt mit Jugendlichen wurde mit einem winzigen Budget aus dem Topf der Kulturhauptstadt genehmigt. Mehr nicht.

Zwei.
Ich bin versucht, das schockierend Fremde dieser Stadtlandschaft und der Lebenssituationen in ihr mit vertrauten Begriffen einzufangen. Die aufkommenden Gefühle lassen sich eindämmen, indem ich die Menschen, die hier leben, benenne: als BewohnerInnen eines Roma-Ghettos, das zugleich Slum ist. Schlagzeilenstereotype wie „Dritte Welt mitten in der EU“ drängen sich auf. Doch beim zweiten Mal Hiersein und nach vielen Gesprächen ist nicht alles so, wie es scheint. Selbst der Begriff „Roma“ als Sammelbezeichnung für die Menschen, die hier leben, wird unsicher. Als politisch korrekte Übersetzung des Vorurteilsstereotyps „tsiganin“ („Zigeuner“), mit dem viele aus der bulgarischen Mehrheit die Menschen hier belegen, bleibt er diesem Stereotyp verhaftet. Ich nehme wahr, dass viele Menschen in Stolipinovo es ablehnen, als „Roma“ bezeichnet zu werden. Allein deshalb, weil es Ausgrenzung, Diskriminierung, Beschimpfungen zur Folge hat. Die Mehrheit würde sich in einer offiziellen Befragung wohl kaum als Rom oder Romnij bezeichnen. Auch ihre religiöse Zugehörigkeit ist nicht eindeutig. Die Mitglieder vieler Familien gehören unterschiedlichen Religionsgemeinschaften an. Nur eine Minderheit der EinwohnerInnen von Stolipinovo sieht sich selber als christlich, und der größte Teil davon wiederum sind Protestanten, die zu einer der freikirchlichen Gemeinden im Stadtteil gehören. Die Mehrheit bilden türkischsprachige Muslime, wovon wiederum die meisten sich als „Türken“ bezeichnen. Andererseits werden diese Menschen von der Mehrheitsgesellschaft, auch von den sog. „autochthonen“ Türken, als „tsiganin“ bezeichnet und niemals als Türken …
Kein Slum gleicht dem anderen. Das Wort mit der einen Silbe verdeckt die enorme Spannbreite an von Armut geprägten Stadtlandschaften. Sie erscheinen mir bei weitem unterschiedlicher als die uniformierte Konsumfassade von Shopping Malls oder Stadtzentren, die Reichtum verkörpern wollen. Jeder Slum organisiert sich anders und entwickelt eine eigene Subökonomie. So auch Stolipinovo. Darüber hinaus sind die Unterschiede innerhalb des Viertels enorm. Wir gehen an neu gebauten Häusern vorbei, die auch als Pensionen in einem Fremdenverkehrsort an der kroatischen Adriaküste dienen könnten. Unmittelbar daneben eine windschiefe Hütte, aus Brettern und Wellblech zusammengezimmert. Überragt werden beide von einem Wohnblock: Sozialwohnbau der sechziger Jahre, heute kaum mehr als eine Ruine, leere Fensterhöhlen, die notdürftig mit Pappe gegen die Kälte abgedichtet sind. Mittagessen an einer Kebabbude mitten im Viertel. Nichts ist so, wie in dem Café in der Altstadt, das wir am Tag zuvor besucht hatten. Das Essen ist spottbillig. Menschen kommen vorbei, grüßen, bleiben stehen, beginnen mit uns zu reden. Wir versuchen’s auf Englisch, sie sprechen Türkisch. Schließlich ist es der Körper, mit dem wir uns verständigen: die Hände, der ganze Oberkörper, das Gesicht. Wir lachen gemeinsam über das Nichtverstehen. Mir fehlt die Musik, die sonst in diesen Straßen allgegenwärtig ist. Bei unserm letzten Besuch standen an jeder Straßenecke junge Leute mit Instrumenten, vorzugsweise E-Gitarren, die so was wie Balkan-Rock spielten. Laut, mit großen Verstärkern, die vor ihnen auf der Straße standen. Jetzt ist es zu kalt für Musik.
Alle sagen, Stolipinovo sei ein Ghetto. Nun, es gibt keine sichtbaren Mauern um das Viertel, jedoch unsichtbare Barrieren, die beinahe unüberwindlich sind. Die Sprache ist eine solche Barriere. Sie verstellt den Zugang zu Bildungschancen und zu Arbeitsplätzen. Die Kenntnisse der Amtssprache sind bei den meisten Jugendlichen im Viertel niedrig. Manche sprechen überhaupt kein Bulgarisch. Geringe Sprachkenntnisse führen zu Defiziten bei der schulischen Bildung. Und: Wenn die Jugendlichen schlecht qualifiziert sind, sind sie nicht in der Lage, irgendeine Arbeit zu bekommen. Die Konsequenz ist Arbeitslosigkeit. Einige finden zeitlich beschränkte Gelegenheitsjobs oder arbeiten schwarz in der Schattenwirtschaft. Diskriminierung und rassistische Ausgrenzung durch die bulgarische Mehrheit, das regt hier kaum jemanden auf. Es sind Alltagserfahrungen der BewohnerInnen von Stolipinovo. Neben dem wirtschaftlichen Elend und einer „falschen“ sprachlichen wie nationalen Identität als „Türken“ sind sie die größte unsichtbare Mauer, die Stolipinovo zum Ghetto machen: eigene „Romagruppen“ in den Kindergärten, segregierte Schulen für die Jugendlichen im Viertel – sofern sie überhaupt in die Schule gehen. Die bulgarischen LehrerInnen in diesen Schulen wenden sich an die Roma-Stiftung. Sie wollen einige Brocken Türkisch lernen, damit sie sich zumindest ein wenig mit den SchülerInnen verständigen können. „Wie schaut dann der Unterricht aus?“ frage ich. Asen lächelt und zuckt mit den Schultern. Anton Karagyosov, ein seriöser älterer Herr, ist Präsident der Roma-Stiftung. Er saß einige Jahre als Abgeordneter im Gemeinderat der Stadt Plovdiv. Nun möchte sein Sohn Asen bei den nächsten Gemeinderatswahlen kandidieren. Anton meint: „Ja, die Jungen müssen ihre eigenen Erfahrungen machen. Für mich waren es vertane Jahre. Ich habe im Gemeinderat nichts erreicht. Du rennst gegen Mauern.“ Vor kurzem, so erzählt er mir, war er in einem Lokal in der Stadt essen. Er wurde nicht bedient. Als wir am letzten Abend vor unserer Abreise mit ihm und seinen MitarbeiterInnen zum Abschied essen gehen – ein armenisches Lokal in der Stadt, vornehm, gute Küche – spüren wir selbst etwas von diesen Mauern. Es dauert lange, bis jemand an unseren Tisch kommt. Die Kommunikation ist betont knapp und unfreundlich. Nach dem Essen kommt rasch die Rechnung. Niemand fragt nach Kaffee oder einem Dessert wie sonst üblich. Wir wollen auch nichts mehr, sind froh, das Lokal zu verlassen.

Drei.
Im Gespräch werden wir von unseren Partnern mit einem akuten Problem konfrontiert, das den BewohnerInnen im Viertel zu schaffen macht: Sie erzählen uns von Abrissaktionen der Stadtverwaltung. Das Problem ist nicht neu. Es ist auch nicht auf Stolipinovo beschränkt. Eine der Folgen von Armut und gesellschaftlicher Ausgrenzung sind die unzumutbaren, krank machenden Wohnverhältnisse. 40 Prozent der Roma in Bulgarien besitzen keinen Frischwasseranschluss, 60 Prozent keine Kanalisation. 80 Prozent haben kein Bad. Die Lebenserwartung liegt deutlich unter dem Landesdurchschnitt. Der Zugang zu guter medizinischer Versorgung ist fast unmöglich. Laut der Wohnraumstatistik besitzen Angehörige der bulgarischen Mehrheitsbevölkerung im Durchschnitt ohnehin nur 23qm Wohnraum, Roma 10qm. Aus dieser Wohnsituation von Roma-Familien folgt ein weiteres Problem: der Abriss ihrer meist ohne Baugenehmigung errichteten Häuser, Baracken oder Hütten. Da es sich in der Regel um ihre einzige Wohnmöglichkeit handelt, droht den Familien nach dem Abriss die Obdachlosigkeit. In Plovdiv wurden auch bisher schon alle zwei bis drei Jahre von der Stadtverwaltung die Roma-Viertel „gecleant“. Das bedeutet: Illegal gebaute Shops, desolate, einsturzgefährdete Hütten aus Wellblech- oder Holzteilen werden abgerissen. Die Stadt hat sogar einen eigenen Budgetposten für das „Cleaning“, aus dem die Kosten bezahlt werden, die die Baufirmen für den Abriss, den Maschineneinsatz und die Beseitigung des Schutts verrechnen. Doch dabei bleibt es nicht. In Stara Zagora beispielsweise, einer Stadt mit knapp 140.000 Einwohnern, wurden stabile, neu gebaute Häuser abgerissen.

Ich frage Anton Karagyosov, wie das möglich ist, und er macht mich mit den geschichtlichen Hintergründen für solche Abrissaktionen bekannt: Vor 1989, also während der kommunistischen Ära, waren hundert Prozent der Baugründe im staatlichen Besitz. Hatte man eine notariell beglaubigte Genehmigung für den Hausbau, bekam man auch nach der Demokratisierung 1989 keine Probleme. Man konnte nun den Grund vom Staat kaufen. In Stolipinovo entstand nach 1989 ein regelrechter Bauboom, und ein Großteil der Gründe ist nach wie vor in kommunalem oder staatlichem Besitz. 90 Prozent der Häuser stehen auf öffentlichem Grund und sind illegal errichtet. Anton stellt nüchtern fest: Für Roma war und ist es kaum möglich, eine Baugenehmigung zu erhalten, auch wenn man alle erforderlichen Dokumente beibringen kann und bereit ist, das Haus entsprechend den geltenden Bauvorschriften zu adaptieren. Der derzeit gültige Bebauungsplan von Stolipinovo stammt aus dem Jahr 1965. Die gesamte Bautätigkeit seit dieser Zeit ist nicht erfasst worden. Darüber hinaus ist die Legalisierung eine in jeder Hinsicht aufwändige, bürokratische Prozedur, die für eine Roma-Familie kaum leistbar ist. Sie kostet alles in allem 2000 Leva (ca. 1000 Euro). Anton weist auf einen interessanten Widerspruch in der städtischen Wohnpolitik hin: Obwohl die Häuser in Stolipinovo illegal errichtet wurden, erhielten sie problemlos ihre Anschlüsse an das Stromnetz, das Wasser- und Kanalnetz der Stadt. Das städtische Stromnetz wird von der niederösterreichischen Stromgesellschaft EVN betrieben, und die Strompolitik der EVN ist die: Solange die Hausbesitzer ihren Stromverbrauch bezahlen (und Stolipinovo ist jenes Stadtviertel in Plovdiv mit der höchsten Zahlungsmoral!), spielt die fehlende Baugenehmigung keine Rolle. „An das ‚Cleaning‘ waren wir schon gewöhnt“, meint Anton. Nun jedoch hat dieses „Cleaning“ eine völlig neue, für die BewohnerInnen bedrohliche Dimension angenommen: Eine ganze Teilsiedlung an der Banderitsa-Straße, die am Rand von Stolipinovo liegt, soll dem Erdboden gleich gemacht werden. Im Herbst 2016 erschien eine von der Stadt eingesetzte Kommission, um die Häuser in dieser Siedlung zu kartographieren. Danach kamen die Abrissbescheide der Stadtverwaltung für ca. 30 Häuser am Ufer der Maritsa. Fünfundvierzig Familien im Stadtteil sind aktuell durch die Abrissaktion der Stadt bedroht. Gegen diese Bescheide kann binnen einer Frist von vierzehn Tagen Einspruch erhoben werden. Danach wird noch eine Frist für den freiwilligen Abriss festgesetzt. Nach Verstreichen dieser Frist erfolgt der Zwangsabriss. Nach dem Zwangsabriss werden die Kosten durch die Kommune vom Hausbesitzer zurückgefordert – notfalls mit Gerichtsvollzieher.

Anton und sein Sohn Asen führen uns zu der Siedlung an der Banderitsa Straße. Wir gehen an der gemauerten Baracke vorbei, die das Gotteshaus der evangelikalen Gemeinde ist. Sie ist neu gestrichen und hebt sich durch ihr gepflegtes Aussehen von den sie umgebenden, desolaten Häusern ab. 200 Meter weiter in Richtung des Ufergeländes der Maritsa beginnt die Siedlung: eine Ansammlung gemauerter Bauten, oft kleiner als eine Garage. Jedoch, es sind keine Hütten, keine Baracken wie im Zentrum von Stolipinovo. Die Siedlung zeugt von dem Wunsch, es besser zu haben, einen neuen Wohnstandard zu erreichen. Das bestätigen uns auch die BewohnerInnen. Denn bald sind wir von einer Gruppe von Menschen umringt: sechs, sieben meist junge Leute, deren Neugier wir geweckt haben. Fremde kommen selten hierher. Nachdem die Versuche, uns auf Türkisch, Bulgarisch oder Englisch zu verständigen, gescheitert sind, spricht uns ein Mann auf Deutsch an. Er hat mehrere Jahre in Deutschland gearbeitet. Und er bestätigt uns: Sie alle hier verstehen nicht, warum sie plötzlich aus ihren Häusern weg müssen. Mitten im Winter. Eine junge Frau erzählt: In ihrem Haus lebt sie mit vier kleinen Kindern. Nun muss sie weg. Dabei hat sie das Haus selber gebaut, mit ihrem Geld, mit ihren Händen. Auch wenn sie eine Frau ist: Sie hat mitgearbeitet beim Bau! Eine andere, so übersetzt der Mann, hat kranke Eltern zuhause. Überhaupt, meint er, viele alte Leute hier sind krank, bettlägerig. Die können gar nicht mehr gehen. „Wo sollen wir hin mit ihnen? Es ist so kalt wie schon viele Winter nicht mehr!“ Eine Frau, deren Haus gleich nebenan ist, lädt uns zu sich ein. Wir schütteln verlegen den Kopf. „Nein, nein. Wir wollen keine Umstände machen.“ Doch sie besteht darauf. Ein kleines, gemauertes Häuschen mit einem Eingangsbereich: ungeheizt, Betonboden. Dahinter, mit einem Vorhang abgetrennt, der geheizte Wohnbereich. Dort liegt eine alte Frau im einzigen Bett, das im Raum steht. Ihre Mutter, sagt die Frau, die uns eingeladen hat. Sie sei bettlägerig, schon seit einem halben Jahr. Außerdem lebt sie hier mit ihren drei Kindern. Ich frage mich, wie fünf Menschen in diesem winzigen Zimmer miteinander auskommen können. Das Bewusstsein, Rechte zu haben und das Wissen über die eigenen Rechte ist bei den BewohnerInnen von Stolipinovo äußerst gering ausgeprägt. Wir fragen die Menschen, ob sie wissen, dass sie Einspruch erheben können gegen die Bescheide und ob sie’s schon getan haben. Sie zucken mit den Achseln und schütteln die Köpfe. Unser Dolmetscher meint: „Sie wissen es nicht. Und wenn sie’s wüssten: es nützt ja doch nichts!“ Dazu kommt, dass es kaum Möglichkeiten gibt, direkt gegen die Bescheide vorzugehen, meinte der Rechtsanwalt der Roma-Stiftung Todor Dimov im Gespräch, das wir zuvor mit ihm geführt hatten. Man bräuchte einen Rechtsanwalt, den sich hier kaum jemand leisten könne. Und: Der Einspruch erwirke einen geringen zeitlichen Aufschub bis zum endgültigen Abriss der Häuser, nicht mehr. Er würde kaum zu einer Aufhebung der Bescheide führen. Deshalb werde dieses Einspruchsrecht auch von niemand in Anspruch genommen.

Vier.
Wir verabschieden uns von unsern GesprächspartnerInnen. Von Schekir Tener Süleyman werden wir weiter durch die Siedlung geführt. Schekir ist zu einem informellen Sprecher geworden für die Menschen, die hier wohnen. Er hat mit dem Bezirksbürgermeister gesprochen, mit ihm verhandelt. Aber: „Da war nichts zu machen“, sagt er. Auch er zeigt uns sein Haus. Er ist stolz darauf. Denn er und seine Familie, sie haben es mit ihren eigenen Händen gebaut. Sein Haus ist größer als viele andere. Es hat vier Zimmer. Darin wohnen seine Frau, vier Kinder und er. Zwei der Kinder sind volljährig, und zwei sind noch klein. Das Haus ist massiv, es wurde mit Betonsäulen und modernen Ziegeln errichtet. Zusätzlich hat es einen Hof von ca. 20 qm. „Ich lebe seit 22 Jahren in diesem Haus, und auf einmal kommen unsere Behörden auf die Idee, dass sie uns das Haus abreißen. Nach 22 Jahren… Und das alles, ohne mir ein anderes Zuhause anzubieten!“ Dieser Grund ist kommunales Land. Natürlich. Das wissen alle hier, und er hat den Bürgermeister des Stadtbezirks gefragt, was sie nun machen sollen: „Ihr sagt uns nicht, was los ist. Warum muss das Haus plötzlich abgerissen werden? Warum haben die anderen Bürgermeister vor Dir keine Abrissaktion durchgeführt? Warum haben sie uns dort bauen lassen und das Bauen ohne Baugenehmigung nicht von Anfang an verhindert?“ Ich frage Schekir, was als offizielle Begründung dafür angegeben wurde, dass ihre Häuser wegmüssten. Die Kommune sagt, so erklärt er mir, dass der Grund, auf dem die Häuser erbaut sind, im Flussbett der Maritsa liege. „Aber das Flussbett ist in Wirklichkeit ziemlich weit weg. Es sind 50 Meter bis zur Maritsa, und das Flussbett verläuft woanders. Ihr könnt es Euch ja ansehen.“ Ich frage nach: „Besteht denn wirklich Überschwemmungsgefahr?“ Schekir antwortet: „Einerseits gibt es wirklich einige Häuser, in denen es gefährlich ist zu wohnen. Diese Häuser sind aus Holzbalken und Ziegeln gebaut. Ohne Stützen und Fundament. Das ist tatsächlich gefährlich. Ein starker Regen könnte sie zum Einsturz bringen. Andererseits sind die Häuser weit weg vom Fluss. Wenn die Maritsa Hochwasser hat, kommt sie nicht heran. Das Wasser kann uns gar nicht erreichen. Es gibt einen Damm von 4 Metern Höhe. Der ist ja dafür da, dass das Wasser nicht hochkommt. Hochwassergefahr besteht keine. Wenn wir überschwemmt würden, dann stünde ganz Stolipinovo unter Wasser. Die Überschwemmungsgefahr ist kein wirklicher Grund.“  Die Kollegen von der Roma-Stiftung haben uns erzählt, dass es eine Unterschriftenaktion von Nachbarn gegeben habe, also frage ich Schekir: „Hat sich Eurer Meinung nach jemand aus den Wohnblocks schräg gegenüber [Anm.: es handelt sich dabei um die „bessere“ Wohnsiedlung ca. 200 Meter von dem Viertel entfernt, in der Angehörige der bulgarischen Mehrheitsbevölkerung leben] bei der Kommune beschwert?“ – „Ja. Ich habe diese Beschwerde persönlich gesehen. Ich weiß, dass es eine Beschwerde mit 200 Unterschriften beim Amt gibt. Die Leute aus den Wohnblocks sehen uns jeden Tag, uns, die Menschen von der Minderheit. Aus deren Sicht sind wir kein schöner Anblick. Deswegen haben sie sich beschwert, dass unsre Häuser schrecklich anzusehen seien. Sie wollen uns nicht sehen, weil wir dunkelhäutige Menschen sind. Deswegen. Wir sollen weg, damit diese Leute ein freies Blickfeld haben. Es soll nicht solche Häuser, es soll nicht so viele Roma in ihrer Nachbarschaft geben. Ich habe diese Beschwerde persönlich gesehen. Jetzt, nach 22 Jahren! Warum haben sich die Leute nicht früher beschwert? Die auf dem Amt sagen: ‚Das ist die Lage, man kann nichts machen, es gibt Beschwerden.‘“
Der Abriss bringt keine Lösung für die katastrophale Wohnsituation der Menschen in Stolipinovo. Im Gegenteil: Er verschärft sie noch zusätzlich. Denn dort, wo die Menschen den absolut beengten, desolaten Wohnverhältnissen im Zentrum des Viertels mit der Bautätigkeit nahe dem Flussufer entkommen wollten, droht ihnen nun, mit dem Abriss, die absolute Obdachlosigkeit. Sie werden mitten im Winter mit ihren Kleinkindern in ausgebrannte Ruinen oder nicht fertiggestellte Rohbauten ziehen müssen, in denen es nichts gibt: keine Fenster und Türen, nackte Betonböden, keine Wasser-, Kanal- und Stromanschlüsse und keine Heizmöglichkeiten. Die Stadtverwaltung hat den Betroffenen nur einige wenige Übergangsnotwohnungen in Aussicht gestellt, die bei weitem nicht für alle reichen werden. Was die Menschen an der Banderitsa-Straße beschäftigt: „Warum müssen ausgerechnet unsere Häuser weg? Wo werden wir hingehen, wenn unsere Häuser weg sind? Wir wissen nicht wohin!“

Ein naheliegender Lösungsschritt wären Mediationsgespräche zwischen der Stadtverwaltung und der betroffenen Bevölkerung. Die Roma-Stiftung würde dabei als Vertreterin der BewohnerInnen auftreten können. Doch dazu ist es in Plovdiv bisher nicht gekommen. In Parvomay, einer Kommune im Bezirk Plovdiv, ist ein solches Projekt gerade angelaufen. Über Vermittlung der Roma-Stiftung saßen die beiden Parteien zum ersten Mal an einem Tisch. Das Ergebnis der Mediationsgespräche wird im Mai dieses Jahres umgesetzt werden: Die Stadt bietet den betroffenen Roma-Familien zwanzig Baugrundstücke mit je 500 Quadratmeter zum Kauf an. Ein solches Grundstück wird 1000 Leva (ca. 500 Euro) kosten. Dieses Ergebnis der Mediation ist eine realistische Möglichkeit für die Familien, legales Wohnungseigentum zu erwerben. Die Stiftung versucht, die Menschen dazu zu motivieren, dass sie diese Gelegenheit ergreifen, obwohl 1000 Leva für viele von ihnen eine kaum leistbare Summe bedeutet. Manche können sie aufbringen, manche nicht. Kredite von Banken sind kaum zu bekommen, da über 90 Prozent kein regelmäßiges Einkommen nachweisen können. Man versucht nun, mit der Kommune Ratenzahlungen auszuhandeln.

In Stolipinovo ist eine solche Lösung bisher nicht in Sicht. Im Gegenteil: Weitere Abrissaktionen in anderen Teilen des Stadtviertels wurden bereits angekündigt. Deshalb stellt sich eine Frage, die von unseren Freunden in der Roma-Stiftung heftig diskutiert wird: Egal ob es sich um Garagen und Werkzeugschuppen handelt oder um die einzige Wohnung einer vielköpfigen Familie: Für den Abriss illegaler Bauten gelten dieselben gesetzlichen Bestimmungen, und es wird von der Stadtverwaltung dieselbe Vorgangsweise angewandt. Aus der Sicht der Betroffenen jedoch hat der Abriss von Wohnhäusern eine völlig andere Dimension als das „Cleaning“ von illegal errichteten oder baufälligen Shops und Garagen. Bei den Wohnhäusern handelt es sich um die einzige Wohnmöglichkeit von Menschen. Es gibt keine Alternative für sie. Schekir formuliert die Fragen, die sich in Stolipinovo viele stellen: „Sind wir etwa keine Bulgaren? Wir sind Angehörige der Minderheit, und ich fühle mich einfach erniedrigt. Wie kann das sein? Ich bin Bulgare. Ich lebe in Bulgarien und liebe dieses Land. Es ist mein Heimatland.“

Fünf.
In den Wochen nach unserem Aufenthalt in Plovdiv versuchen wir die Medien und die politische Öffentlichkeit in Österreich auf die Situation der Menschen in der Banderitsa-Straße aufmerksam zu machen. Es erscheinen Artikel in Zeitungen und Zeitschriften. Der Menschenrechtsbeirat der Stadt Graz schreibt an den Bürgermeister von Plovdiv. Asen teilt uns mit, dass der Abriss der Häuser wegen ihrer vermeintlichen Lage im Hochwassergebiet zwar bis auf weiteres aufgeschoben ist. Es droht aber – nun für die Häuser an der gesamten Straße, einschließlich der Kirche, die wir schon zweimal besucht haben, – neuerlich der Abriss: Die Banderitsa-Straße soll ausgebaut und verlängert werden. Für dieses Bauvorhaben müssten noch wesentlich mehr Häuser abgerissen werden. Diese Information kommt vorerst nur inoffiziell aus der Verwaltung, und es kann ein bis zwei Jahre dauern, bis das akut wird. „Aber wer weiß hier schon“, meint Asen, „was tatsächlich als nächstes passiert“.

Autor: Josef P. Mautner

Quellen:
http://plovdiv2019.eu/en/about-us (zuletzt aufgerufen: März 2017)
https://de.indymedia.org/node/6678 (zuletzt aufgerufen: März 2017)
Georgieva, Tonya (2013), Die soziale Integration der Roma in Bulgarien im Kontext der Roma-Politik der Europäischen Union. Masterarbeit, Universität Wien. Fakultät für Sozialwissenschaften  http://othes.univie.ac.at/30433/ (zuletzt aufgerufen: März 2017).

Veröffentlicht in: Zwischenwelt, 34. Jg., Nr. 3, Oktober 2017, 8-11.

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